Kapitel 6
Die asketischen Übungen (dhutangas)
Jede einzelne der dreizehn dhutangas ist fähig, kilesas aller Art zu bezwingen, was auf die wunderbarste, nahezu unvorhersehbare Weise geschehen kann. Die Übungen sind jedoch bereits ausreichend in der „Biographie des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann“ erläutert worden, sodass wir sie hier nicht ausführlich erklären, wenngleich daran erinnert werden muss, dass alle Dhutanga Bhikkhus, die Anhänger des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann sind, diese nach wie vor auf ihre vielfältigen Weisen gemäß der Tradition befolgen.
Jene der dreizehn dhutangas, die bereits ausreichend in der „Biographie des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann“ erklärt wurden, sind folgende, es sei denn, die Erinnerung des Autors ist lückenhaft:
1 Weilen (Leben) im Schatten eines Baumes.
2 Auf Almosenrunde gehen als regelmäßige Pflicht.
3 Essen aus der Almosenschale.
4 Nur einmal am Tage essen.
5 Sich nur mit Pamsukula-Roben158 bekleiden.
6 Die Verweigerung der Annahme von Nahrungsmitteln nach der pindapata.
Weitere Erläuterungen hierzu wären lediglich geringfügige Ergänzungen zu jenen, die bereits gegeben worden sind.
Nachdem ich Obiges niedergeschrieben hatte, ging ich zu meinen Ordensbrüdern und sprach mit einigen von ihnen darüber, dass ich nicht beabsichtige, meine Erläuterungen zu den dhutangas zu wiederholen, da diese bereits in „der Biographie“ enthalten seien. Die meisten von ihnen gaben jedoch zu bedenken, dass die Erläuterungen der asketischen Übungen hier wiederholt werden sollten, da man nicht sicher sein könne, dass alle Leser dieses Buches auch die „Biographie“ gelesen hätten. Einige hätten das Buch vielleicht noch nie gesehen und würden dann nicht wissen, wie wichtig die Einhaltung der asketischenRegeln für die Übung des Dhamma sind. So kam ich letztlich zu dem Schluss, dass es notwendig sei, hier einige Erläuterungen der Praktiken einzufügen. Ich bitte aber jene um Nachsicht, die bereits über dieasketischen Übungen in der „Biographie des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann“ gelesen haben. Sie mögen sich bitte nicht an der Wiederholung stören und verstehen, dass die Erläuterungen hier eingefügt werden,um jenen zu helfen, die noch nie etwas über die Einhaltung der 13 asketischen Übungen gehört haben.
Die Dhutanga-Regel des rukkhamula159 war die erste asketische Übung, die von Erhabenen Buddha durchgeführt wurde. An jenem Tag, an dem er Dhamma erkannte (erleuchtet wurde) und an dem die drei Welten bebten, saß er im Schatten eines Baumes -des großen Bodhi Baumes, den die Buddhisten bis zum heutigen Tage als einen heiligen Baum und gleichbedeutend mit dem Buddhismus (Sasana -Lehre) und dem Sasada160 betrachten. Auch als der Erhabene in das parinibbana161 eintrat, erfolgte dies im Schatten von Bäumen -den Zwillings-Sala-Bäumen162 . Dies wird unter „rukkhamula“ gemäß dieser Dhutanga-Regel verstanden.
158 Roben, die aus weggeworfenem Stoffmaterial hergestellt worden sind 159 Weilen im Schatten eines Baumes 160 Der Welten Lehrer, Lehrer der drei Welten des Daseins 161 Das Nibbana nach dem physikalischen Tod 162 Shorea robusta
Das Wohnen in einer geschlossenen Hütte mit einem Dach über dem Kopf bietet Schutz gegen vielfältige Gefahren und unterscheidet sich sehr stark vom Leben im Schatten eines Baumes. Dies kann man von jenen erfahren, die sowohl im Schutze einer Hütte oder eines vihara163 als auch „rukkhamula“, im Schatten eines Baumes, gelebt haben. Das Herz empfindet die Behaglichkeit und Wärme der Unterkunft und die große Einsamkeit im Schatten eines Baumes sowie den extremen Unterschied zwischen beiden. Dies umso mehr, wenn sich die Hütte oder der Baum in einem einsamen und wüsten Wald voll von wilden Tieren, einschließlich Tigern, befindet. Wer sich dort aufhält, wird ganz deutlich den außerordentlichen Unterschied zwischen Hütte und Baumschatten erkennen. Das Leben in einer Hütte in einem trostlosen Wald kann angenehm sein, da man sich entspannt niedersetzen und -legen kann, anstatt Vergnügen an der Meditationsübung zu suchen -die an Wertschätzung verliert, denn diese Lebensweise ist bequem und frei von allen möglichen Ängsten und Unsicherheiten.
Wer im Schatten eines Baumes in einem verlassenen Wald ohne Schutz lebt, sodass er keinen Ort der Zuflucht hat, wo er sich bequem und entspannt niedersetzen oder -legen kann, muss bei allem was er tut auf der Hut vor stets gegenwärtigen Gefahren sein. Seine Achtsamkeit und sein citta haben keine Zeit, sich voneinander zu trennen, was immer er gerade tut, denn da ist die Angst, dass sie „auf dem falschen Fuße erwischt“ werden könnten, wenn immer eine Gefahr im Anzug ist.
Der Unterschied bezüglich der Annehmlichkeit der einen und der Unsicherheit der anderen Lebensweise im Wald ist sehr groß. Wer im Schatten eines Baumes lebt, erleidet nahezu täglich in jeder Hinsicht viel. Was jedoch sein samadhi bhavana164 angeht, wenn er fest entschlossen ist, das Dhamma zu schauen, so entwickelt er es besser und gewinnt mehr durch „rukkhamula“, denn in allen seinen Körperhaltungen und Bewegungen handelt er wie ein Mensch, der etwas anstrebt, außer wenn er schläft.
Die gewaltige Angst vor der Gefahr zwingt ihn zu Aufmerksamkeit und Sorgfalt und dazu, seine Achtsamkeit zu bewahren, der er nicht zu gestatten wagt, sich seinem Herzen zu entziehen. Dies ist ohne Zweifel von großem Wert und hilft ihm, sich dieser Mühe zu unterziehen, die das citta dazu bringen kann, samadhi und Weisheit zu entwickeln. Daher ist für einen „Krieger“, der bereit ist, dem Tod ins Auge zu sehen, die dhutanga des Lebens im Schatten eines Baumes in einem wüsten Wald mit dem Kampf in vorderster Linie zu vergleichen. Auch wenn sein citta noch nie Ruhe erzielt hat, niemals erfahren hat, welcher Art samadhi und panna sind, noch nicht die Bedeutung von magga, phala und Nibbana kennt, wenn er innerlich Achtsamkeit in engem Kontakt mit seinem Geist entwickelt, sich bemüht, sie zu bewahren und am Entgleiten zu hindern, dann ist seine Meditationsübung richtig und durch Achtsamkeit abgerundet. Einerlei welchen Dhamma-Aspekt er als Gegenstand seiner Technik des parikamma bhavana benutzt, seine Meditationsübung ist ordnungsgemäß und durch Achtsamkeit abgerundet. In gleicher Weise kann, wenn Achtsamkeit da ist, die den Geist kontrolliert, bei der Untersuchung und Hinterfragung des wahren Zustandes der Natur sabhava dhamma165 , um diesen mit Weisheit klar zu erkennen, reine Weisheit entstehen. Achtsamkeit ist daher eine wesentliche Komponente (dhamma) des Geistes und ist bei allen Dingen, sowohl den nach innen als auch den nach außen gerichteten, von größter Bedeutung.
Mönche, die sich an verlassenen und einsamen Stellen im Schatten eines Baumes oder an ähnlichen Orten aufhalten um sich zu trainieren, haben daher eine weit bessere Möglichkeit, ihre Bestrebungen in dieser Weise zu fördern, als jene, die sich an Orten befinden, wo sie sich sicher und geschützt fühlen und keinerlei Ängste empfinden, wie beispielsweise in einer Hütte. Der Wert des Lebens im Schatten eines Baumes ist darin zu sehen, wie dieses einen davon abhält, sich in Selbstgefälligkeit und Selbstzufriedenheit zu entspannen. Auf diese Weise macht es einen achtsam auf sich selbst, was zur stetig voranschreitenden Entwicklung von samadhi samapatti166 und von Magga-Phala-Nibbana167 führt, ohne Zeitverschwendung
163 Unterkunft 164 Samadhi Praxis 165 der wahre Natur der Dinge 166 Samadhi in all seinen Stufen und Tiefen
oder Verzögerung und auch ohne Zweifel oder Unschlüssigkeit, bedingt durch Nachlässigkeit und Selbstzufriedenheit. Mönche, die in rukkhamula in wilden Wäldern gelebt haben, bis sie sich daran gewöhnt hatten, sind wie kampferprobte Krieger, die den Gegner nicht fürchten, denn sie können überall leben. Dies unterscheidet sie sehr von jenen, die nur wenig Training gehabt haben.
Der Ehrwürdige Lehrmeister Mun pflegte die Übung des Lebens im Schatten eines Baumes in einer Weise zu preisen, die bei seinen Zuhörern einen tiefen Eindruck hinterließ. Es war ein Thema, das er oft ins Gedächtnis rief und über das er bis zum Ende seines Lebens häufig, sprach. Gewöhnlich äußerte er sich darüber so, dass alle seine Anhänger zur Besinnung gebracht und veranlasst wurden, über ihre eigeneSituation nachzudenken, und ihr Interesse an der Übungsweise des Lebens in „rukkhamula“ geweckt wurde. Er pflegte zu sagen: „Wenn meine Bhikkhus etwas über sich selbst, im Groben wie im Feinen, lernen und ihren eigenen Fähigkeiten vertrauen wollen, sodass sie wissen, ob sie Bhikkhus sind, die sich im vollen Umfang trainieren, dann müssen sie beginnen mit der Übung des Lebens in rukkhamula, dem Leben im Schatten eines Baumes in einem einsamen Wald, voll von Tigern und anderen wilden Tieren, damit sie wachsam bleiben. Darüber hinaus wird sich hierdurch erweisen und zeigen, bis zu welchem Grade sie fähig und furchtlos und auch, in welchem Maße sie unfähig und feige sind, bis sie vollständig erkennen, was mit dem vom Erhabenen überlieferten Leben in ,rukkhamula' gemeint ist.“
„Hat man einmal seine angeborenen Ängste und den einem aus den unternommenen Anstrengungen erwachsenden Mut erkannt, der sie vertreiben kann, dann werden sila, samadhi, panna und das höhere Dhamma Stufe für Stufe größer. Sehr wahrscheinlich entwickeln sie sich in Verbindung miteinander und man wird den Fortschritt im eigenen Herzen, so wie er sich entwickelt, Stufe für Stufe erkennen. Auf diese Weise kann man den Wert dieser dhutanga zur Zufriedenheit des eigenen Herzens verstehen.“
„Alle, der Erhabene Buddha und seine Savakas förderten stets die Ausübung dieser dhutanga als einen verinnerlichten Teil ihres kämpferischen Lebens, vom Anfang bis zum Ende, und gaben sie niemals auf, denn sie ist der Wohnort jener Menschen, die wachsam und strebsam -nicht achtlos und selbstzufrieden -sind. Die Mühen, die sie im citta auf sich nahmen, führten zu Ergebnissen und zur Fortentwicklung, bis sie am Ende des Weges angekommen waren, und nichts im Universum ist damit vergleichbar. Darum entwickelte der Erhabene Buddha seine Lehre von der rukkhamula, um als Wegweiser zu dienen, der den Weg aufzeigte, so als würde er sagen: „Diesen Weg musst du gehen, wenn du alle Angst und Gefahr überwinden und dich von dukkha befreien willst. Ihr seid alle so trübe, lustlos und träge und was werdet ihr tun, um dies zu ändern? Dies ist kein langweiliger Ort, ungeeignet für Achtsamkeit und Weisheit, sondern ein Ort, der Achtsamkeit, Weisheit und Strebsamkeit auf jede Weise erweckt und wiederbelebt, sodass sie reifen, kraftvoll und durchdringend werden. Auf denn! Wir, der Tathagata, werden euch den Weg ohne Zögern weisen. Schludert nicht ziellos herum und glaubt, indem ihr eure schwere Last schultert, dass ihr genügend Kraft und Fähigkeit besitzt, jeder für sich allein so weiterzumachen. Wenn ihr nämlich in eine kritische Lage ohne Ausweg geratet, dann habt ihr nichts, auf das ihr zurückgreifen könnt. Ihr müsst jetzt schnell sein und ein geeignetes Schlachtfeld suchen, um den Sieg zu erringen, wie beispielsweise im Schatten eines Baumes. Dort erreicht das citta das für das Herz angemessene Dhamma, frei von kilesas und dukkha aller Art. Es war an einem Ort wie diesem, wo der Tathagata befähigt wurde, alle kilesas zu überwinden, sodass sie sich uneingeschränkt ergaben. Dort drüben ist der Sri-Maha-Bodhi Baum, das Symbol des großen Sieges des Tathagata. Wenn dies nicht rukkhamula ist, was ist es dann? Prinz Siddhattha wurde erleuchtet und wurde der Erhabene Buddha am Fuße des Sri-Maha-Bodhi Baums. Wenn du aber immer noch zweifelst, wo willst du dann hingehen und Dhamma suchen, wenn nicht an einem Ort wie den, wo der Erhabene es suchte und erkannte. Ein Ort wie dieser ist jenen heilig, die die Gefahr erkennen168 .
167 Pfad, Frucht und Nibbana 168 „Gefahr“ steht für die allgegenwärtige Gefahr für das Leben durch Krankheit, Leiden und Tod, die zu jeder Zeit entsteht. Es bedeutet auch die Angst vor dem, was dann in der Zukunft mit einem geschieht.
Denn wo sonst solltet ihr, in Verblendung tappend, hingehen, um nach heiligen Orten zu suchen? Das, was in euch selbst heilig ist, ist der am sehnlichsten erstrebte heilige Zufluchtsort, wünschenswerter als alles andere. Ihr müsst nach ihm suchen, bis ihr ihn findet. Der Ort, an dem danach zu suchen ist, ist das eigene Herz, wobei ihr abhängig seid und unterstützt werdet von einem geeigneten Ort als Feld der Erforschung eures Innern.“

Welchen Aspekt des Dhamma der Ehrwürdige Lehrmeister Mann auch zeigte, wie beispielsweise den zuvor dargelegten, es hinterließ einen tiefen Eindruck und ergriff die Herzen der Zuhörer. Denn es war eine Belehrung aus dem klaren Wissen und wahren Verständnis eines Menschen, der in sich selbst aufrichtig war. Da war kein Platz für Zweifel und es gab keinerlei Gedanken daran, dass die Übungspraxis zur Erreichung des Weges, der Erfüllung und des Nibbhana in einer anderen Weise durchgeführt werden könnte als in der Weise eines Menschen, der sie einzig und allein durch „samici-kamma169“ ausführt. Dies traf umso mehr zu, wenn man den Belehrungen des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann direkt zuhörte, denn das war gerade so, als würde er den Weg, die Frucht und das Nibbana aus seinem Herzen hervorbringen, sodass seine Anhänger, die geistig blind waren, es fühlen konnten, stark genug, dass sie es mit Bedauern ersehnten, bevor er es wieder an den Ursprungsort