Sprung in den fürchterlichen Wasserstrudel geiziger Anhaftung? Mach schon! Entscheide Dich! Vergeude nicht die Zeit des Tigers, der wartet und nach diesem Mönch lauscht, der aus der Linie jener kommt, die den Dingen entsagen und Opfer bringen, um ihren Mut zu zeigen, der auf Weisheit basiert, die Situationen sorgfältig abwägt. Entscheide: ,Werde ich nachgeben oder anhaften?’“
Dieser angespannte Zweikampf zwischen dem Tiger und dem Acariya dauerte etwa eine Stunde lang und keine Seite war bereit, dem anderen gegenüber nachzugeben. Endlich entschloss sich der Acariya zum Nachgeben, weil er die Gefahr der besitzerischen Anhaftung an das Leben erkannte. Sein Geist wendete sich herum, wurde mutig und war randvoll von metta und Mitgefühl für diesen Tiger, indem er den Lehrvers des Dhammapada als Grundlage in seinen Geist aufnahm: „Alle Wesen ohne Ausnahme sind Gefährten in dukkha, Geburt, Altern, Schmerz und Tod“. Als er das Bild des Tigers, der sein Feind gewesen war, in seiner geistigen Vorstellung sah, veränderte es sich und wurde zum Bild eines engen Freundes, und er dachte daran, wie er ihn gerne streicheln und mit ihm liebevoll spielen wollte, in Mitgefühl und wahrer vom Herzen kommender Verbundenheit. So verließ er also seinen Pfad der Gehmeditation, ergriff die Laterne, die er zuvor auf der einen Seite des Pfades aufgehängt hatte, und ging mit Freundlichkeit und metta im Herzen direkt auf den Tiger zu. Als er aber zu der Stelle kam, wo er den Tiger vermutet hatte, war dieser nicht mehr da. Also machte er sich auf den Weg, um ihn im Wald der ganzen Umgebung zu suchen. Aber die ganze Zeit, die er umherging. um den Tiger zu suchen, erfüllt von Mut, Freundlichkeit und metta, konnte er keine Spur von ihm finden und er erfuhr nie, wohin er auf geheimnisvolle Weise entschwunden war. Nachdem er eine Zeit lang nach dem Tiger gesucht hatte, ohne ihn zu finden, wurde er des Suchens müde. Darauf sprach etwas aus seinem Herzen zu ihm, so als wäre jemand gekommen, um ihn zu warnen, und sagte: „Warum suchst du nach ihm? Erkenntnis und Selbsttäuschung entstehen nur in einem selbst und können in keinem anderen Wesen gefunden werden, weder in diesem oder in einem anderen Tiger. Die Todesangst, die dich gerade vor kurzer Zeit fast wahnsinnig gemacht hätte, ist einfach nur deine Selbsttäuschung. Die Erkenntnis des Dhamma des Erhabenen Buddha, die da lehrt, dass ,alle Wesen ohne Ausnahme Gefährten in dukkha, Geburt, Altern, Schmerz und Tod sind’, die dich befähigte, deine besitzergreifende Anhaftung vollständig aufzugeben, sodass dein citta von Freundlichkeit und metta erfüllt und ein Freund der ganzen Welt wurde, ist auch einfach nur deine eigene Erkenntnis. Diese beiden Geisteszustände gehören niemand anderem als dir selbst. Was suchst du also noch? Wenn es Erkenntnis gibt, dann sollte der, der erkannt hat, Achtsamkeit und Energie haben, das ist recht und angemessen. Fährt man aber fort, bei anderen Wesen, oder bei diesem Tiger, nach etwas zu suchen, dann kehrt man die Erkenntnis wieder um in Selbsttäuschung.“ Sobald diese Erkenntnis, die in ihm gesprochen hatte, endete, kehrte seine Achtsamkeit zu ihm zurück.
Der Acariya erzählte, er sei, als er umherging und nach dem Tiger suchte, der festen Überzeugung gewesen, dass der Tiger sein enger und vertrauter Freund war und dass er ihn streicheln, knuddeln und liebkosen würde, solange er wollte, und dass er nie daran gedacht hätte, der Tiger würde ihm etwas zu Leide tun. Ob dies aber nun der Fall sein würde oder nicht, wusste er nicht.
Hiernach ging er zurück und setzte seine Gehmeditation ganz entspannt fort, ohne jegliche Angst oder Furcht. Inzwischen war das gelegentlich immer wieder zu hörende Brüllen und Knurren, das er zuvor gehört hatte, verstummt und ward nie mehr gehört, weder in jener Nacht noch im Verlauf der Zeit, die er danach noch in dieser Gegend zubrachte.
Der Acariya erzählte, es sei ganz wunderbar gewesen, wie das citta, das so furchtsam war, dass es kaum den Körper aufrecht halten konnte und fast wahnsinnig geworden wäre, fähig wurde, sich zu wenden, kühn und mutig zu werden, sobald es auf verschiedene Weisen gemeistert und diszipliniert worden war, und wie es dann völlig bereit war, Fleisch, Blut und Leben aufzugeben und dem Tiger zu opfern, ohne jede Angst und Zittern oder Sehnen nach dem Leben.
Er erzählte, seit jenem Ereignis, immer dann, wenn er eine Geh-oder Sitzmeditation durchführte und das citta sich nicht problemlos beruhigte, dächte er an den Tiger und wünschte sich, dieser ihn aufspüren und oft anbrüllen würde. Dann würde sein citta angeregt und wachsam und schließlich ruhig. Darüber hinaus würde sich sein Geist verändern und werde angefüllt von metta und Freundlichkeit, wäre glücklich in Mitgefühl für alle Tiere -auch Tiger, denn wenn sich der Geist in dieser Weise durch die Geräusche aller möglichen Tiere, wie auch die von Tigern, verändert, dann ist das Glück, das entsteht, äußerst tief und jenseits aller Beschreibung.
Es gab noch einen anderen Gedanken, den der Verfasser zuvor zu erwähnen vergaß, und der in dem Acariya aufkam, als er nach dem Tiger suchte. Wie er erzählte, war es folgender: „Metta, die als Güte und Sanftheit empfunden wird, ist eine enge und harmonische Vertrautheit mit allen Wesen, sowohl mit den Feinden als auch mit allen anderen, einschließlich aller Menschen, der devatas , Indra, Brahma, Yama155, der yakkhas156 und Dämonen und aller in den Ti-Loka-Dhatu157 , und in einem solchen Zustand gibt es keinen, der als Feind gesehen werden könnte. Die Herzen aller Erhabenen und Arahants sind voll von grenzenloser metta für alle Wesen und jene, die metta haben, sind glücklich, ob sie wach sind oder schlafen.“
Was damals gesagt wurde, schien eine Lehre zu sein, die direkt auf mich allein zugeschnitten war, die sanft in meinem citta entstand, nur für mich allein hörbar und erkennbar. Ich kann mich an vieles davon recht deutlich erinnern, aber nicht an alles, was ich heute bedauere.
In einsamen und verlassenen Wäldern und Bergen zu leben, ist möglicherweise sehr nutzbringend, besonders für jene, deren Ziel und Streben Dhamma gilt. Wie zum Beispiel in diesem Fall des soeben genannten Acariya, der uns erzählte, wie sein citta freundlich und sanft zu allen Wesen ohne Ausnahme wurde, einschließlich des Tigers, den er finden wollte, um ihn zu knuddeln und zu streicheln und um in Mitgefühl mit ihm zu spielen.
Ich glaube ohne Vorbehalt an die Wahrheit dieser Geschichte, weil ich selbst eine ähnliche Erfahrung gemacht hatte. Ich hatte auch einmal so viel Angst, dass ich mich kaum selbst beherrschen konnte. Ich versuchte daher eine Methode, um mich selbst zu üben und zu bändigen, in ganz ähnlicher Weise wie der Acariya, über den wir gerade erzählten, bis zu dem Punkt, wo das citta von seiner störrischen Widerborstigkeit kuriert war, mutig und mit metta erfüllt wurde und fähig, ohne jede Angst nach seinen Feinden aller Art zu suchen. Sobald ich also die Geschichte
155 Herr des Todes 156 Riese, Ungeheuer 157 Die drei Welten der Existenzebenen
dieses Acariya gehört hatte, war ich tief beeindruckt, da sie mir zeigte, dass es immer noch Mönche gibt, die sich in den Wäldern und in der Wildnis üben, wie ich es getan hatte. Vorher hatte ich geglaubt, dass ich der Einzige sei, der dies getan hatte, da es nicht einfach ist, solche Erfahrungen Menschen näher zu bringen, weil sie außerhalb der als normal empfundenen Grenzen liegen, innerhalb derer Menschen überall (in der Welt) denken und überlegen.