Kapitel 4
Praxis und Unterweisungen des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann
Einige Bhikkhus führen ihre Meditationsübungen am Rande eines tiefen Abgrunds im Sitzen durch, was an sich schon ausreicht, sie zu ängstigen, denn sie könnten ja in den Abgrund stürzen und umkommen. Aber diese Bhikkhus haben keine Angst davor und müssen dies als eine Methode ihres individuellen Trainings tun. Sollte ein solcher Bhikkhu seine Achtsamkeit verlieren und sich vergessen, dann akzeptiert er die Möglichkeit, dass er in die Schlucht fällt und stirbt. Er tut dies aber dennoch, weil er bei seiner sonst üblichen Meditationsübung sein citta nicht kontrollieren und zur Ruhe bringen kann. Denn das citta liebt es, sich auf Dinge hier und dort einzulassen und sich durch diese in Unruhe versetzen lassen. Dies verursacht ihm ständig eine Menge dukkha.
Mensch und Tier fürchten den Tod gleichermaßen und in einer prekären Situation wie beim Sitzen am Rande eines tiefen Abgrunds, muss das citta arbeiten und es bedarf keiner weiteren Zwänge, denn das citta fürchtet nichts mehr als den Tod. In solchen Momenten bekämpft das citta den Tod mit Entschiedenheit und erzeugt somit eine beständige Achtsamkeit, die es dem citta nicht erlaubt abzuschweifen. Der Mönch verfügt so jeden Augenblick über Achtsamkeit, die ihm hilft und ihn unterstützt. Wenn dann das citta gut durch Achtsamkeit beschützt wird, macht es sich nicht still davon und sucht nach anderen reizvollen Dingen, die die Emotionen anregen und die in der Vergangenheit stets seine Feinde gewesen sind. Dann dauert es auch nicht lange, bis das citta in Sammlung und Stille versinkt. Bhikkhus, die die eben beschriebene Methode angewendet haben, erzielten damit befriedigende Ergebnisse -in der gleichen Weise, wie mit den allgemein üblichen Methoden.
Methoden, in denen Zwangsmittel zur Erregung von Todesangst eingesetzt werden, sind äußerst wichtig und wertvoll. Darum führt die Arbeit, auf sein Leben zu achten, indem man ständig achtsam und sich seiner selbst bewusst ist, zu Ergebnissen, die Dhamma im Herzen entstehen lassen. Mit anderen Worten, man beginnt klar zu erkennen und braucht nicht sehr lange darauf zu warten, bis das unruhige, ungestüme citta ganz von allein ruhiger wird und sich dem samadhi zuwendet.
Einige Bhikkhus üben ihre Sitzmeditation in einer Höhle aus. Wenn sie dann das Brüllen eines Tigers hören, bemerken sie, dass sich das citta nicht im geringsten fürchtet, nicht nachgibt und auch nicht in samadhi eintaucht, so wie sie es sich wünschen. Daher müssen sie nach einer Vorgehensweise suchen, die das citta einschüchtert, wie beispielsweise sich vor die Höhle zu setzen. Kommt dann der Tiger, wird sich
Kapitel 4: Praxis und Unterweisungen des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann das citta fürchten und schnell konzentrieren, sich beruhigen und nach einem sicheren, angstfreien Ort suchen, wo der Tiger es nicht erreichen kann. Es wird dann ruhig und taucht in samadhi ein.
Kammathana Bhikkhus, die in diesem Zustand der Angst Geistesstärke erzielt haben, führen ihre Übungen so lange fort, bis das citta in einen Zustand der Ruhe versunken ist. Im Allgemeinen fühlen sie sich dann ziemlich sicher, dass es für sie keinerlei Gefahren gibt, die ihnen Leid zufügen könnten. Aber, was auch immer daran wahr sein mag, sie sind nicht beunruhigt, weil sie es jetzt und für die Zukunft lediglich als eine wichtige Aufgabe erachten, Geistesstärke zu erlangen. Selbst wenn sie in diesem Moment stürben, so wären sie bereit, dies hinzunehmen und das Opfer zu erbringen, weil ihr Vertrauen in Dhamma größer ist als ihre Angst vor dem Tod.
Deshalb suchen jene, die sich wirklich um die grundlegende Bedeutung des Dhamma bemühen, ständig nach Orten und Methoden, um sich auf verschiedene Weisen zu üben -weil sie durch die unmittelbare Erfahrung an solchen Orten und durch solche Vorgehensweisen fortwährend Ergebnisse erzielt haben. Es ist, als machte man eine geringfügige Investition und erzielte einen großen Gewinn daraus, der einem viel Freude bereitet und zum beständigen Weitermachen anreizt, ohne faul zu werden oder sich zu langweilen. Gleichzeitig werden jedwede verbleibende Unsicherheit und jedweder Zweifel bezüglich solcher Trainingsmethoden, „ob sie denn nun zu Ergebnissen führen oder nicht“ unterbunden, denn in jeder Phase der Trainingsarbeit führen diese Übungen zu eindeutigen Ergebnissen, die klar zu Tage treten.
Man kann bei seiner Meditationsübung vor einer Höhle sitzen, in den Bergen umherwandern und auf Felsnasen praktizieren, in der Nacht nach Weise der kammatthana umherwandern, um auf einen Tiger zu treffen, sich für seine Übungen an einem Ort niedersetzen, an dem häufig Tiger umherstreifen, eine Gehmeditation (cankama) oder eine Sitzmeditation durchführen und sich in dem Gebrüll der Tiger um einen herum behaupten. Alle diese Übungen haben aber lediglich den Zweck, dem citta zu helfen, sich viel schneller als sonst üblich zu sammeln und in einen Zustand der Ruhe zu gelangen oder mittels der Kontemplation über die Eigenschaften wilder Tiere als Aspekte des Dhammas Weisheit zu entwickeln mit dem Ziel, sich von seinen „upadana101an Leben und Tod zu befreien und sich stetig des Sehnens und Verlangens nach allen möglichen Dingen, die dem citta entspringen, zu entledigen. Das ist der Weg! Aber keineswegs dient es der Selbstzerstörung!
Wer danach trachtet, sich von allen Formen des dukkha, hervorgerufen durch Geburt und Tod, zu befreien, der denkt und handelt im Allgemeinen so. Selbst der Erhabene Buddha, der Erste in den „Drei
101 Anhaftungen, Greifen
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Welten“, setzte sein Leben aufs Spiel, indem er neunundvierzig Tage lang fastete. Dies ähnelt den zuvor dargelegten Verfahrensweisen, denn es ist ein Weg, der Stärke und Entschiedenheit erfordert, um den inneren Feind zu besiegen. Als der Erhabene aber erkannte, dass dies der falsche Weg war, beendete er unverzüglich sein Fasten, änderte seine Vorgehensweise und fasste den unerschütterlichen Entschluss, sich niederzusetzen und die anapanasati kammatthana102 zu entwickeln, bis er das Dhamma103 erkannte, was sein ureigenes Ziel war. Darüber hinaus war er entschlossen, wenn er das Dhamma nicht auf eine ihn befriedigende Weise ergründen könnte, sein Leben hinzugeben, indem er, ohne von jenem Ort zu weichen, seine Meditationsübung so lange ausführen würde, bis er stürbe. Das zeigt, dass dies die letzte Handlung des Erhabenen gewesen wäre, hätte er das Dhamma nicht wirklich erkannt, als er an jener Stelle im Schatten des großen Bodhibaums in Meditation saß und anapanasati übte. Wenngleich er sich des eingeschlagenen Weges nicht sicher war, gab es für ihn dazu keine Alternative.
Denkt man an die besten und herausragendsten Beispiele der Welt, sei es der Erhabene und die Savakas bis hin zu den Acariyas oder jenen normalen Sterblichen überall, die Dhamma praktizieren, so tun sie beachtenswerte Dinge, welcher Art auch immer, die einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen und sich stark von den üblichen Handlungsweisen gewöhnlicher Menschen unterscheiden.
Daher trachten Kammatthana Bhikkhus danach, sich auf verschiedene Weisen zu trainieren, jeder Einzelne so, wie es seiner Natur und seinen Fähigkeiten entspricht. Sie tun dies nicht des Reizes wegen und auch nicht, weil sie sich einbilden, über besseres Geschick, über mehr Mut oder größere Fähigkeiten als ihre Lehrer oder irgendwelche anderen Menschen zu verfügen, sondern sie nutzen diese Methoden in der wahren Absicht, die wesentliche Bedeutung des Dhamma zu erkennen, das sie zur Freiheit von dukkha führen soll. Daher arbeiten und kämpfen sie entsprechend ihren Kräften und Fähigkeiten, die jedoch nicht einmal dem Staub von den Füßen des Erhabenen ebenbürtig sind, als dieser seine Anstrengungen durch die Bereitschaft, sein Leben zu opfern, auf die Spitze trieb. Wenn man sich das richtig überlegt, wie könnten sie dann glauben, dass ihre Anstrengungen denen des Erhabenen überlegen seien, und wie könnten sie ihr Training durchführen, um der Welt gegenüber protzen zu können, wenn ihre Anstrengungen noch nicht einmal des Staubes von den Füßen des Erhabenen Buddha würdig sind?
Bedenken wir die Art und Weise der Praxis des Erhabenen und wie er Dinge vollbrachte und vergleichen dies mit uns selbst, die wir ständig auf die Nase fallen, immer wieder Fehlschläge erleiden, nur geringe Anstrengungen unternehmen, weil wir uns fürchten, dass wir in unserem Handeln über die Praxis des Erhabenen hinausgehen könnten, so ist dies beschämend und eine erbärmliche Einstellung.
102 Praxis der Aufmerksamkeit auf das Ein-und Ausatmen an der Nasenspitze.
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Ich bin auch sehr gut darin, mich auf diese Weise zu fürchten, wogegen ich in anderen Dingen, die schlecht sind, nicht klug bin und mich nicht fürchte. Das ist die Verhaltensweise der gewöhnlichen Menschen, die sich kopfüber in Dinge stürzen, vor denen uns die Weisen warnen, Dinge, in die wir uns nicht hineinstürzen