aber der upasaka schluchzend und wehklagend zu ihm kam und über die Begebenheit berichtete, dachte der Acariya darüber nach und überlegte, was geschehen war. Es war auch ein deva zu ihm gekommen und hatte ihm darüber erzählt. So wusste er also, dass die deva den Tiger geschaffen hatten, um den upasaka zu disziplinieren und von seinem überheblichen Dünkel zu kurieren. Ansonsten hätte er sich an diesen gewöhnt und wäre immer von neuem widerspenstig gewesen, hätte mehr und mehr böse Handlungen vollbracht, sodass er bei seinem Tod in der Unterwelt versunken wäre. Es war daher notwendig, seinen Geisteszustand in solcher Weise zu kurieren, dass er es niemals wieder wagen würde, in dieser Art und Weise zu handeln.
Der Acariya erzählte: „Das, was der deva gesagt hatte, entsprach der Wahrheit, weil sich von jenem Tag an die Persönlichkeit und das Verhalten des upasaka vollständig veränderten und er ein anderer Mensch wurde. Zuvor war er ziemlich widerborstig und manchmal schien es, als wäre er etwas verrückt. Ich war aber niemals dagegen angegangen und ließ ihn seinen eigenen Weg gehen. Erst als der Tiger kam, ihn geradebog und seine Widerborstigkeit auf eine derbe und eindringliche Weise brach, erkannte ich recht deutlich, welche wirklich schlechten Eigenschaften dieser upasaka hatte und dass er ganz und gar nicht verrückt war. Wenn er wirklich etwas verrückt gewesen wäre, dann wären auch das Erscheinen und die Belehrung durch den Tiger wenig nützlich gewesen und die Verrücktheit wäre wieder sichtbar geworden. Bei diesem upasaka aber traten die bösen Eigenschaften seit jenem Tag nicht mehr in Erscheinung und er war stets guter und rechter Gesinnung.“
Dieser Acariya genießt hohes Ansehen im Dhamma und ihm gebührt Verehrung und Lobpreisung. Er verstarb jedoch vor fünf oder sechs Jahren. Als er kurz davor war, die fünf khandhas zu verlassen, sagte er, er wünsche nicht, dass irgend jemand dadurch gestört oder durch ihn beunruhigt würde, weil dies für die Betreffenden zu unnötiger Ablenkung und Sorge führen würde. Er wollte still und gemäß der Kammatthana-Tradition sterben, was bedeutet, dass sein Tod gänzlich im Einklang steht mit der Lebensweise eines Bhikkhus, der den Pfad geht, und nicht mit viel Getöse verkündet wird. Als er eingeäschert wurde, wusste keiner der hochgestellten Bhikkhus im Lande davon, denn es wäre nur ein lästiger Anlass zu großer Bestürzung gewesen. „Betroffenheit über Tote, die nutzlos geworden sind, weil ihre wertvollen Kräfte aufgebraucht sind, ist sehr wahrscheinlich von keinem großen Nutzen, vergleicht man sie mit der Sorge für die Lebenden!“ Er sprach dies ganz gelassen aus und niemand wagte, entgegen seinen Worten zu
96 Himmlisches Wesen
handeln. Für jene waren seine letzten Worte Anweisungen, die aus einem „aufrichtigen Herzen“ kamen, und sie fürchteten, dass es schlecht und boshaft wäre, entgegen seinen Anweisungen zu handeln.
Als er noch lebte, ging ich einmal für zwei Wochen zu ihm, um mit ihm weitab in den Bergen zu verweilen. Der Ort, an dem er sich aufhielt, war im Bergwald gelegen und er verließ sich auf die einheimischen Bauern, um während seiner pindapata seine Nahrung zu bekommen. Die reichte von einem auf den anderen Tag aus. Es wurde erzählt, dass er an jenem Ort viele Jahre (vassa) zubrachte. Als ich dort bei ihm war, maß ich die Zeit, die für die pindapata, hin und zurück, benötigt wurde. Von der Stelle, wo er sich aufhielt, bis zum Waldrand dauerte es nur 3 Stunden und zwanzig Minuten, bis zum Dorf ganze vier Stunden.
Sein Name war Ehrwürdiger Achahn Laa und er stammte aus Vientiane (Vieng Chan) in Laos. Von seiner Ordinierung bis zu seinem Tod lebte er die meiste Zeit auf der thailändischen Uferseite des Mekongs, weil die meisten seiner Freunde im Dhamma und die Acariyas, die diesen Weg praktizierten, in Thailand lebten.
In seinen Übungen des „Samana Dhamma“97 war er sehr mutig und entschlossen und liebte es, alleine zu leben und umherzuwandern. Höchstens hatte er einen upasaka bei sich. Er hatte die Gabe, viele sonderbare Dinge zu kennen, einschließlich jener himmlischen Wesen wie die devas, die ihn lobpriesen. Er erzählte, wo immer er auch hinging, würden sich diese Wesen nahezu immer auch hinbegeben und ihn die ganze Zeit beschützen. Er war von großer Bescheidenheit, war immer voll zufrieden und hielt sich ungern in Gesellschaft -selbst seiner Freunde oder anderer Bhikkhus -auf. Er zog es immer vor, in den Wäldern oder Bergen bei den Einheimischen und den Wald-und Bergvölkern zu leben. Sein Dhamma war von sehr hoher Stufe und ihm gebühren Lob und Ehrerbietung. Bezüglich samadhi und panna hatte er große Fähigkeiten und Fertigkeiten, was aber die meisten Menschen, Bhikkhus und Samaneras eingeschlossen, nicht erkannten, weil er niemals viel Aufhebens davon machte. Nur jene, die eng mit ihm zusammen gelebt hatten, wussten darüber gut Bescheid.
Es war etwa im Jahre 2493 BE (buddhistischer Zeitrechnung, 1950 westlicher Zeitrechnung) als ich bei diesem Acariya eine Zeit lang verweilte und die Möglichkeit hatte, von ihm zu lernen und ihm Fragen zu stellen. Ich empfand sein Dhamma als tiefgründig, durchdringend und erschöpfend. Er konnte die „Bedingtheit aller Ursachen“ (paccayakara = paticcasamuppada), was avijja ist, klar und erschöpfend erklären. Es wäre schwer, jemanden zu finden, der es so gut erklären könnte, weil paccayakara98 ein sehr diffiziles und erschöpfendes dhamma ist und nur von jemandem in all seiner Tiefe richtig dargelegt werden kann, der sehr erfahren und bewandert in derÜbung der citta bhavana99 ist. Denn die paccayakara, oder avijja sind sehr subtile und tiefgründige kilesas und der Übende (oder Erklärende) muss mit ebenbürtiger weiser Einsicht (panna-vipassana) ausgestattet sein, damit er die Grundlage der paccayakara, die die wahre Eigenschaft von avijja ist, erkennen und auslöschen kann, was wiederum erforderlich ist, um sie richtig zu erklären. Dieser Acariya war einer von jenen, die in der Lage waren, die avijja-paccayakara100 tiefgründig zu erläutern. Es übersteigt jedoch die Fähigkeiten des Autors, diese hier darzulegen. So müssen wir leider zu anderen Dingen übergehen.
Als dieser Acariya zusammen mit dem Ehrwürdigen Lehrmeister Mann und dem Ehrwürdigen Ajahn Sao lebte, erlernte er die Praxis, nur einmal am Tag zu essen und in der Tradition der kammatthana in den Wäldern und Bergen umherzuwandern. Er tat dies immer, vonseiner Ordinierung bis zu seinem Tode, und ließ niemals weder in seinen Übungen zur Beachtung
97 Dhamma in Einsiedelei, Dhamma in Abgeschiedenheit 98 Bedingte Entstehung 99 Training des Geistes 100 Die Verblendung, Unkenntnis über die Bedingte Entstehung
der Lehre und der aus der Lehre entstehenden Pflichten noch in der Arbeit seines Geistes nach.
Dies war ein Acariya, der so unfehlbar entschieden in seinen Dhammaübungen war, dass es schwer ist, in der heutigen Zeit einen ihm ebenbürtigen Menschen zu finden. Er sollte als Beispiel für all diejenigen gesehen werden, die daran interessiert sind, sich im Dhamma zu üben. Hiermit endet die Erzählung über diesen Acariya.
Bevor wir über den oben genannten Acariya berichteten, legten wir die Übungspraktiken und Disziplinierungen des Geistes der Dhutanga Bhikkhus durch Furcht einflößende Dinge, wie beispielsweise Tiger, dar. Da dieses Thema noch nicht abgeschlossen war, kehren wir nun zu ihm zurück.