den Ehrwürdigen Acariya um Hilfe zu bitten. Aber Ihr ruft den Tiger ständig zurück, woher bekäme ich dann die Energie, ihm zu widerstehen. Daher flehe ich Euch, Ehrwürdiger Herr, an, dem Tiger zu sagen, dass er weggehen und nicht wiederkommen soll.“
Nach vielem Klagen und nachdem er den Acariya angefleht hatte, den Tiger nicht wieder zurück zu rufen; nachdem er sich zu Boden geworfen und um sein Leben gefleht hatte, die von ihm begangenen Verfehlungen eingestanden und versprochen hatte, dass er in Zukunft beherrschter und bedachtsamer sein würde; nachdem er versprochen hatte, dass er sich niemals wieder solche Verfehlungen leisten würde, angesichts dessen, dass ihm das Grauen der eben erteilten Lektion gegenwärtig war, und nachdem er den Acariya um Vergebung angefleht hatte, sah der Acariya, dass der rechte Augenblick gekommen war, dem upasaka zu vergeben. Er unterwies ihn dann und sprach milde und tröstend: „Es war nichts anderes als dein schlechtes kamma, das den Tiger zu dir kommen ließ. Wenn du die Verantwortung für die Schlechtigkeit deiner Missetaten immer noch nicht auf dich nehmen willst, so wirst du es diese Nacht noch deutlicher erkennen! Dann wird, sobald die Nacht hereinbricht, der Tiger kommen und dich holen und wird danach nicht wieder kommen. Er wird dann nicht so nett mit dir sprechen und spielerisch mit dir umgehen wie letzte Nacht.
Bist du verletzt worden, so wirst du dich daran erinnern, denn Gutes und Böses wird es immer auf dieser Welt geben, und niemand kann sich von diesen beiden Aspekten der Naturkräfte loslösen. Wenn es möglich wäre, dass das kamma der Macht irgendeines höheren Wesens oder Prinzips unterworfen würde, so würde eine solche Macht sicherlich die beiden Aspekte der Naturkräfte längst ausgelöscht haben, sodass nichts von ihnen verbliebe und sie uns jetzt nicht mehr behelligten. Tatsache ist aber, dass es gutes und böses kamma immer noch gibt, weil es nicht durch eine besondere Machtinstanz hervorgerufen wird, sondern von jedem einzelnen Individuum abhängt, das sein kamma selbst erwirkt.
In diesem Falle hast du gestern Nachmittag schlechtes kamma erwirkt und du musst dein schlechtes kamma selbst erkennen. Wenn du aber immer noch nicht bereit bist, deinen Fehler einzugestehen, dann ist ziemlich sicher, dass der gestreifte und gelbbraune Herr des kammas heute Nacht zu dir kommen und dich holen wird, damit du die Folgen deines kammas selbst ganz deutlich erkennst.“
Nachdem er ihn so ermahnt hatte, sagte der Acariya dem upasaka, dass er zu seinem Platz zurückgehen solle. Dieser wollte aber aus Angst davor, dass der Tiger sich versteckt hielt und auf ihn wartete, um ihn zu zerfleischen, nicht dorthin zurückgehen. So musste der Acariya ihn erneut zwingen und ihm Furcht einflößen. „Gerade eben hast du gesagt, dass du die Schlechtigkeit deines Starrsinns erkennst und eingestehst und dass du dich nie mehr so verhalten würdest. Aber kaum hast du dies ausgesprochen, da bist du schon wieder widerspenstig. Warum? Wenn dem so ist, kannst du weiterhin starrsinnig sein, wenn du wirklich gegen den Tiger bestehen kannst.“ Dann rief der Acariya erneut nach dem Tiger, damit dieser käme: „Tiger, der du der Lehrer dieses upasakas bist, wo bist du? Komme schnell und hole diesen widerborstigen upasaka und unterweise ihn ein wenig, bitte! Ich bin es leid, ihn zu lehren. Beeile dich! Komm schnell!“
Sobald der Acariya geendet hatte, begann der upasaka erneut zu weinen und versprach: „ich gehe jetzt sofort zurück, aber, bitte, lass den Tiger nie mehr zurückkommen. Ich habe schreckliche Angst vor ihm und letzte Nacht wäre ich beinahe daran gestorben.“ Dann eilte er zu seinem Platz zurück, ohne weiterhin an den Tiger oder den Tod zu denken.
Es war sehr eigenartig und wunderbar. Von jenem Tag an gab es keinerlei Anzeichen, dass dieser Tiger in dem Gebiet, in dem sie sich noch mehrere Monate lang aufhielten, umherstreifte. Normalerweise würde man annehmen, dass es etwas gegeben haben muss, das den Tiger beeinflusst hatte, zu erscheinen und den upasaka zu peinigen, der unverfroren, dumm und bösartig genug war, so fehlgeleitet und unangemessen zu handeln, wie aufzuspringen und überall auf das Feuerholz zu urinieren. Selbst ein normaler Mensch, der nicht interessiert ist, sich in moralischem Verhalten und im Dhamma zu üben, würde dies nicht tun.
Für eine Person wie den upasaka gibt es kaum etwas, das ihn kontrollieren könnte, ausgenommen ein großer Tiger, der ihm ebenbürtig ist und ihn bezwingen und unterweisen kann. Von jenem Tag an war der upasaka vollständig gebändigt und der Acariya erzählte, dass er keinerlei Widerspenstigkeit mehr zeigte. Die Begebenheit hatte auf den upasaka einen sehr wirksamen Einfluss, weil Tiger sehr wohl in der Lage sind, Menschen zu bändigen und zu unterweisen und ihnen Angst einzuflößen, die lange anhält.
An dieser Stelle möchte ich ein wenig abschweifen und eine persönliche Anmerkung einfügen. Denn ich hätte auch gerne einen Tiger, der in der Nähe des Wat93 Pa Baan Taad lebte und mir hülfe, einige meiner Verantwortungen zu tragen, wenn Bhikkhus, Samaneras94 , Theras95 , Nonnen und andere Menschen bei ihren Übungen träger werden und ihre Zeit mit Schlafen verbringen. Der Tiger wäre hilfreich, ihre Anstrengungen zu steigern, denn, wenn sie ihn auch nicht wirklich sähen, so würden doch ihre Anstrengungen durch sein Brüllen angespornt. Dies reichte möglicherweise aus, ihnen die Augen und Ohren zu öffnen und sie dazu zu veranlassen, aufzustehen und ihre Übungen zu machen, sodass sie nicht der Neigung frönten, zu lange zu schlafen.
Andererseits, wenn hier ein Tiger umherstreifte, würden viele Dorfhunde, die in der Gegend des Wats leben, verscheucht. Dies wäre ein Verlust, da auch sie „Acariyas“ sind und Menschen trainieren, die zu träge sind, Türen zu schließen und auf Lebensmittel zu achten und diese wegzuräumen. Ideal wäre, beide „Acariyas“, den Tiger und die Hunde, halten zu können, um sowohl die Anstrengungen als auch das Achten auf und das Wegräumen von Dingen zu fördern. Dieses Kloster wäre dann vollkommen, indem in ihm Menschen lebten, die fleißig ihren Meditationsübungen nachgingen und sich emsig um die Sachen kümmerten.
Wenn dem so wäre, dann wäre das sehr gut. Aber ich befürchte, dass die Bhikkhus, Samaneras, Theras, Nonnen und alle anderen Anhänger, die von überall her kommen, sich vorTigern fürchten und zu träge und nachlässig sind, sich um die Sachen zu kümmern, Ärger machen und wütend auf den Acariya werden würden und sich beschwerten: „Warum einen Tiger herbeiholen, der uns peinigt und uns lästig ist.“ Aber wirklich, es sollte etwas im Kloster geben, das hilft, die Menschen an ihre Pflichten zu erinnern, denn der Acariya allein kann nicht hinter jedem stehen.
Generell betrifft das den „Küchenbereich“, (der etwa eineinhalb Hektar große Teil des
93 Kloster, Pa ist Thai und heisst Wald, Baan Taad ist der Name des Ortes in der Nähe des Klosters 94 Novize 95 rangälterer Mönch
Wats, in dem sich die Frauen als Besucher aufhalten. Er ist abgetrennt durch eine eigene Einfriedung), wo sich die von auswärts kommenden Frauen und Anhängerinnen aufhalten. Dort wird man der Dorfhunde, die sich in großer Zahl in den Wat einschleichen und Lebensmittel stehlen, um sie fortzutragen und zu fressen, nicht Herr.
Wenngleich dies nicht sonderlich wichtig ist und auch nicht etwas, worüber man sich aufregen sollte, so ist es doch ein unerwünschter Zustand. Denn wann immer wir sagen, dass ein Teil einer Gesamtheit unzulänglich ist, bedeutet dies, dass die Gesamtheit ebenfalls mit Mängeln behaftet ist. Dies gilt besonders, wenn es auf Menschen zutrifft und wenn diese nicht einmal daran interessiert sind, die Mängel an sich selbst zu beheben. Dann wiegt es um so schwerer.
Ich hoffe der Leser vergibt mir diese Abschweifung. Da sie aber in Zusammenhang mit der vorangegangenen Erzählung steht, wurde sie hier eingefügt. Kehren wir nun zu der Geschichte über den Acariya und den upasaka zurück, die noch nicht zu Ende ist.
Nach dieser Begebenheit war der upasaka sehr wachsam, weil er sich ständig vor dem Tiger fürchtete, Tag und Nacht, denn er sah in seinem Geiste das Bild des großen Tigers recht lebhaft und dachte, dass er kommen und nach ihm suchen würde. Dies war immer so, wenn er ein-und ausatmete, bis es Abend wurde. Er konnte sich nicht entspannen und gelassen sein, weil er von dem Gedanken besessen war, dass der Tiger ihn anfallen und zerfleischen würde. Dies hatte aber auch sein Gutes, denn, wann immer er sich erinnerte und das Bild des Tigers sah, erinnerte er sich an „Buddho“ und sein Geist hatte keine Zeit abzuschweifen. In jener Nacht begann er seineMeditationsübung, sobald es dunkel zu werden begann. Teils dachte er während seiner Übung an „Buddho“, teils fürchtete er, dass der Tiger kommen würde. Zwischen diesen beiden Gedanken pendelte also sein Geist hin und her. Er konnte nicht schlafen und auch nicht seine Meditationsübung in der Weise durchführen, wie er es gewohnt war. Denn, wenn er seine Übung durchführte, erwartete er, den Tiger zu sehen. So fand er jene ganze Nacht bis zum Morgengrauen keinen Schlaf. Denn hätte er sich entspannt und geschlafen, was hätte er dann mit dem Tiger gemacht, wenn dieser gekommen wäre? Es wäre so, als ob er es herausgefordert hätte, auf den Tiger gewartet hätte, damit dieser ihn nach Belieben zerfleischte!
Sobald der Morgen anbrach, eilte er zu seinem Acariya, der ihn fragte: „Wie war es? Kam dein Lehrer, der Tiger, dich letzte Nacht wieder besuchen?“ Der upasaka antwortete, dass der Tiger nicht gekommen sei, worauf der Acariya ruhig und besänftigend zu ihm sprach: „Worin liegt der Nutzen, sich vor ihm zu fürchten? Fürchtetest du das Böse in Dir in der gleichen Weise wie du den Tiger fürchtest, so wärest du schon längst von dukkha befreit worden. Du musst dich beeilen, um dich des Bösen, das sich in deinem Geist angehäuft hat, zu entledigen, indem du es ständig minderst und letztlich vernichtest. Warum verlierst du dich in Gedanken um den Tiger? Er wird nicht kommen und nichts tun. Nimm mein Wort dafür, dass, so lange du nicht wieder etwas Böses tust, der Tiger nicht kommen wird. Du musst deine Meditationsübungen durchführen, um dich zu entspannen. Dann ist’s der Tiger auch zufrieden und ängstigt sich nicht um dich und er muss dich nicht oft besuchen und nach dir sehen, was ihn von seiner Nahrungssuche abhält. In der Tat, er kam lediglich, dir zu helfen, dich der Unterwelt zu entreißen, in die du wegen deiner bösen Taten gefallen wärest. Wenn du also keine weiteren bösen Handlungen begehst, dann wird der Tiger nicht mit der Absicht zu dir kommen, dich zu fressen. Achte gut auf dich, und wenn du es ernsthaft versuchst und fleißig an deinen Meditationsübungen arbeitest, dann wirst du den Tiger, der dich besuchte, nicht wieder sehen, bis wir diesen Ort verlassen.
Von jenem Tag an sah man den Tiger nicht mehr in der Gegend umherstreifen, wie der Acariya vorausgesagt hatte. Von Zeit zu Zeit hörte man jedoch das Brüllen der Tiger. Dies war aber normal, wie man es überall in den Wäldern üblicherweise hört, und nicht etwas, was zu Beunruhigung führte. Der upasaka arbeitete hart an seinen Meditationsübungen und entledigte sich all seiner Überheblichkeit, sodass er sich innerlich und äußerlich zu einem guten Menschen wandelte. Von jener Nacht an, in der der Tiger zu ihm kam, um ihn belehren zu helfen, wenn es auch nur für eine Nacht war, gab es nichts, was man dem upasaka hätte vorwerfen können. Dies war so sonderbar und ungewöhnlich, dass es bis heute nicht in Vergessenheit geraten ist. Was den Acariya betrifft, so hatte dieser niemals irgendwelche Ängste. Selbst als der upasaka kam und ihm über seine Begegnung mit dem Tiger berichtete, blieb er recht gelassen. Er sagte, dass der Tiger, der erschienen war, in der Tat eine Schöpfung der devas96 gewesen war.
Dieser Acariya war ein hochrangiger Anhänger des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann und liebte es, alleine tief in den Wäldern und hoch auf den Bergen zu leben und sich bezüglich seiner Ernährung auf seine Almosenrunde bei den einheimischen Bauern zu verlassen. Im Laufe der Zeit, die er mit dem upasaka zusammen unter einem Felsvorsprung verbrachte, war er in der Lage, weit bessere Fortschritte in der Entwicklung seines citta zu erzielen als andereswo. So blieb er dort mehrere Monate, bis er kurz vor Beginn der Regenzeit auf die thailändische Uferseite des Mekongs zurückkehrte.

Er erzählte, dass er den Tiger ziemlich deutlich hörte, als dieser den upasaka anknurrte. Er nahm aber keine Notiz davon, weil man immer Tiger hören konnte. Es war üblich und er war daran gewöhnt. Als