Kapitel 3
Die Geschichte vom Anhänger im weißen Gewand (upasaka)
Die zuvor beschriebenen Methoden wurden von jenen Bhikkhus angewandt, die in die Wälder gingen, um dort zu leben und sich zu üben. Sie haben befriedigende Ergebnisse erzielt und die Tiger haben ihnen niemals etwas zu Leide getan.
An dieser Stelle sei eine Geschichte erzählt. Der Leser mag darüber nachsinnen, was sich hierbei eigentlich ereignet hat. Ein Acariya, der ein höher gestellter Anhänger des Ehrwürdigen Lehrmeisters Mann war, übte sich bei seinen Wanderungen entlang des Mekongs auf der laotischen Uferseite in Askese. Bei ihm war ein weiß gekleideter Anhänger (upasaka) -ein Laie. Dieser Acariya hielt sich eine Zeit lang unter einem Felsvorsprung auf und der Anhänger, der die acht moralischen Regeln achtete, verweilte unter einem anderen etwa 120 Meter entfernten Felsvorsprung. Der Acariya, von dem diese Geschichte stammt, erzählte, dass er dort mehrere Monate lang lebte, weil er der Meinung war, dass dieser Ort der Gesundheit sowohl des Körpers als auch des Geistes förderlich sei. Die Übung des „Dhamma in Einsiedelei“ (samana dhamma) entwickelte sich ruhig und ohne Behinderungen -für ihn selbst wie auch für den upasaka91 . Lebensmittel während der Almosenrunde (pindapata) zu erhalten, war nicht schwierig, weil sie sich nicht mehr als vier Kilometer vom nächst gelegenen Dorf aufhielten. Das Dorf bestand aus etwa 15 Häusern und die Dorfbewohner kamen sie nicht besuchen und störten sie auch nicht. Sie hatten also keine Schwierigkeiten und verschwendeten keine Zeit, wenn sie ihre Dhammaübungen entwickelten. Jeder von ihnen -der Acariya, der upasaka und die Dorfbewohner -kümmerte sich um seine eigenen Belange.
Eines Tages, am Nachmittag, fühlte sich der Acariya etwas unwohl, so als hätte er Fieber. Mal heiß, mal kalt und der Körper fühlte sich nicht ganz in Ordnung. Als der upasaka zu ihm kam, bat er ihn, Wasser zu kochen und eine Medizin einzurühren, die er ausprobieren wollte. Ein Arzt hatte ihm gesagt, dass diese Medizin Malaria kurieren könnte, und er fürchtete, dass dies der Beginn eines Malariaanfalls sei. Denn in dem Gebiet, in dem sie sich aufhielten, war Malaria weit verbreitet und viele Menschen litten an ihr. Der Wald war sehr dicht und unwegsam und Menschen, die das Leben in offenen Regionen und auf Feldern gewohnt waren, konnten nicht in das Gebiet gehen und dort leben. Der Wald wimmelte auch von allen möglichen wilden Tieren, Tigern und anderen Mitgliedern der Raubkatzenfamilie und nachts machten sie mit ihrem Schreien und Brüllen viel Lärm. Offensichtlich gab es dort auch einige Menschenfressende Tiger und es hieß, dass dies an den Vietnamesen läge, die die Tiger wild machten, sodass sie keine Angst vor Menschen hätten.
Sobald der upasaka verstanden hatte, was zu tun war, nahm er den Wasserkessel mit zu seinem Platz, um Wasser zu kochen. Danach verschwand er und brachte auch nicht das heiße Wasser, um die Medizin zuzubereiten. Der Acariya wartete, bis es dunkel wurde, aber der upasaka kam immer noch nicht. So dachte er, dass der upasaka es möglicherweise vergessen hätte, weil er in Meditation versunken war und daher seine Pflichten vernachlässigte. Inzwischen war das Fieber des Acariya ständig schwächer geworden, bis es völlig verschwunden war.
Was den upasaka angeht, so bereitete er ein Feuer vor, nachdem er den Wasserkessel geholt
91 Weiß gekleideter Anhänger, Laie
hatte, aber was er auch versuchte, um es anzuzünden, es wollte nicht brennen, bis er schließlich wütend wurde. Dann vergaß er, daß er ein upasaka und Anhänger eines bedeutenden Kammatthana Bhikkhus war, sprang plötzlich auf und dachte wütend: „Ich habe hier x-mal ein Feuer gemacht, warum will es heute nicht brennen? Vielleicht braucht es Wasser. Wenn es welches braucht, werde ich ihm etwas geben.“ Daraufhin – der Leser verzeihe mir -urinierte er überall auf die Feuerstelle, bis diese ganz nass war, und ging weg, ohne etwas zum Acariya zu sagen, der auf das heiße Wasser wartete, bis es dunkel geworden war. Nachdem es tiefe Nacht geworden war, ereigneten sich einige sonderbare und ungewöhnliche Dinge.
Zuvor war an dem Ort, an dem er sich aufhielt, nichts besonders Ungewöhnliches geschehen. Es war etwa 9 Uhr abends, der weiß gekleidete upasaka saß in Meditation und betrachtete seine Verfehlungen und seine unbedachte Handlungsweise gegenüber dem Acariya, bedingt durch den Ärger, der ihn dazu veranlasst hatte, aufzuspringen und auf das Feuerholz zu urinieren. Darüber hinaus war er nicht zum Acariya gegangen, um diesen um Vergebung für seine Verfehlungen zu bitten, um so sein Fehlverhalten zu korrigieren und sein schlechtes kamma aufzuheben. Als er also so saß und verzweifelt über seine Fehler nachdachte, hörte er plötzlich etwa zwei Meter hinter seinem Rücken ein sehr lautes Geräusch, das Brüllen eines riesigen Tigers, der hinter ihm kauerte und ihn ansah, als ob er ihn jeden Moment anfallen und zerfleischen wollte. Er knurrte ständig leise, aber laut genug, um auszutesten, wieviel Mut im Zorn eines Kammatthana-Schülers vorhanden war, und laut genug, dass der Acariya ebenfalls hören konnte, wo er sich befand.
Während der Tiger knurrte, peitschte er seinen Schwanz auf und ab, sodass dieser dumpf auf den Boden schlug. Er schob seinen Körper vor und zurück, als ob er sich bereit machte, den upasaka anzufallen und auf der Stelle zu zerfleischen.
Sobald der upasaka diesen ungewöhnlichen Laut hörte, den er noch nie so nahe bei sich vernommen hatte, fürchtete er sich zum ersten Mal seit seiner Ankunft an diesem Ort vor mehreren Monaten und er wandte sich um, um zu sehen, was das war. Es war etwa die Zeit des Vollmondes und er konnte den riesigen Tiger ganz deutlich dort kauern sehen, wie der ihn anblickte. Sein Blut stockte, die Angst schüttelte ihn und er verlor beinahe das Bewusstsein. Er konnte an nichts denken und sein Geist nahm Zuflucht zu Buddha, Dhamma und Sangha, als ginge es um Leben und Tod. „Mögen Buddha, Dhamma und Sangha mich beschützen und über mich wachen,“ flehte er, „und nicht zulassen, dass dieser Tiger mich zerfleischt, denn dann kann ich den Ehrwürdigen Acariya nicht um Vergebung für meine Verfehlungen von heute Nachmittag bitten, die ich ihm gegenüber beging. Möge Buddha mir helfen und mich diese ganze Nacht beschützen und mögen Dhamma und der Ehrwürdige Acariya metta92 haben und mein kamma für meine Verfehlungen auslöschen. Lasst es nicht dazu kommen, dass ich als Strafe für diese Vergehen von diesem Tiger zerfleischt werden muss.“
So flehte und bettelte er, wiederholte „Buddho“, zitterte, bebte und drehte sich nach ihm um und starrte ihn an, vor Angst, er würde ihn jeden Moment anfallen und zerfleischen. Sobald aber der Tiger sah, dass sich ein Mensch nach ihm umdrehte und ihn anstarrte, zog er sich ein wenig zurück, wobei er ständig knurrte. Dann, innerhalb kurzer Zeit, veränderte er seine Position, näherte sich aus einer anderen Richtung und zog sich wieder zurück. Er tat dies immer wieder.
Unterdessen fühlte sich der upasaka wie tot, da er gezwungen war, angespannt die rastlosen Bewegungen des Tigers zu verfolgen, der ohne Unterlass vorwärts und rückwärts um sein Moskitonetz strich. Wenn der upasaka den Tiger mit festem Blick anstarrte, wich dieser zurück. manchmal so weit, dass es schien, er zöge sich ganz und gar zurück. Sobald aber der upasaka
92 Liebende Güte
nachließ und seine Aufmerksamkeit abschweifen ließ, kam der Tiger wieder ganz nahe an ihn heran. Der upasaka konnte nicht zulassen, dass „Buddho“ und sein Geist sich von einander entfernten, und er musste es ständig wiederholen, bis sein Geist und „Buddho“ mit einander verbunden waren und er sich die ganze Zeit an diesen Einklang als seine Lebensgarantie klammerte. Sobald aber „Buddho“ nur etwas zu entgleiten begann, näherte sich jedes Mal der Tiger. Hatte der upasaka erkannt, dass sich seine Lage verschlechtert hatte, erinnerte er sich sofort an „Buddho“ und flehte Buddha an, sein Leben zu bewahren. Sobald dann „Buddho“ und Geist wieder eins waren, zog sich der Tiger zurück, als ginge er für immer.
Aber die Menschen sind so veranlagt, dass immer Druck auf sie ausgeübt werden muss, damit sie Dinge erledigen. Sobald sich also der Tiger zurückzog, begann „Buddho“ dem Geist zu entgleiten, weil er dachte, dass er nicht sterben würde -dann näherte der Tiger sich wieder, als wollte er den upasaka anfallen. Das tat er jedoch nie, sondern näherte sich nur ständig aus einer anderen Richtung.
Dieser Kampf zwischen dem Tiger und dem upasaka dauerte ohne Unterlass von 9 Uhr abends bis zur Morgendämmerung und keiner von den beiden war bereit, eine Niederlage einzugestehen. Die Tränen der Todesangst des upasaka flossen die ganze Zeit, bis es keine Tränen mehr zu vergießen gab. Bei Tagesanbruch jedoch zog sich der Tiger auf etwa 8 Meter zurück und schlich sich dann davon, bis er außer Sichtweite war.
Obwohl nun der Tiger fort war, verharrte der upasaka noch eine lange Zeit aufmerksam und wachsam unter seinem Moskitonetz. Er wagte nicht, darunter hervorzukommen, weil er fürchtete, dass sich der Tiger weiterhin in der Nähe versteckt hielt. Er hatte Angst, dass der Tiger ihn anfallen und zerfleischen würde, sobald er nachließe und unter seinem Moskitonetz hervorkäme. So sah er sich gezwungen, sitzen zu bleiben, abzuwarten und lange Zeit die Lage unter seinem Moskitonetz zu beobachten, bis er erkannte, dass alles ruhig blieb, der Tiger wirklich fort war und nicht mehr zurückkommen würde. Dann kam er eilig unter seinem Netz hervor und lief schnell zum Acariya hinüber -verwirrt, zitternd, mit flackernden Augen und wirr stammelnd, sodass das, was er sagte, keinen Sinn ergab.
Sobald der Acariya des ungewöhnlichen Verhaltens des upasaka gewahr wurde, befragte er ihn und fand heraus, dass dieser für sein Fehlverhalten ihm gegenüber vom vergangenen Nachmittag um Vergebung bat. Er legte die Gründe für seine Verfehlungen dar, erzählte alles, auch von dem Erscheinen des Tigers und wie dieser die ganze Nacht um ihn herumgeschlichen war.
Statt nun dem upasaka sofort zu vergeben, wandte sich der Acariya diesem zu und sprach mit drohender Stimme, wodurch dessen Beunruhigung gesteigert wurde: „Das was du willst, das bekommst du. Wenn du Gutes willst, so bekommst du Gutes. Wenn du Böses willst, so bekommst du Böses. Aber in diesem Fall wolltest du den Tiger und du bekamst den Tiger. Was bringt es also, wenn du mich um Vergebung bittest? Ich kann dir noch nicht vergeben. Du solltest den guten Dingen, die du magst, mindestens noch eine Nacht begegnenen. Wenn du dann nicht vom Tiger zerfleischt worden bist, wirst du zumindest eine Lektion erhalten haben, über die du noch lange nachdenken kannst. Der Tiger ist ein besserer Lehrer als der Acariya. So werde ich es also ihm überlassen, dich zu trainieren. Wie denkst du darüber? Soll ich dich heute Nacht dem Tiger übergeben? Wenn du seiner Unterweisung nicht zuhörst, werde ich zulassen, dass er dich zerfleischt und ein für alle Male auffrisst, denn ich bin es leid, dich zu unterweisen. Was meinst du? Ist es das, was du willst? Letzte Nacht dem Tiger zu begegnen und seinen Unterweisungen zuzuhören, war den Umständen nach recht angemessen und ich werde dafür sorgen, dass er diese Nacht wieder zu dir kommt und dich lehrt. Wenn du danach immer noch störrisch bist, werde ich zulassen, dass er dich zerfleischt und du die Kraftquelle wirst für seine Wanderungen. Du würdest ihm den Bauch für mehrere Tage füllen. Nun, wie wäre das? Sag es ganz schnell und trödle nicht! Wer ist der bessere, der Acariya oder der Tiger? Antworte jetzt und zögere nicht, oder ich rufe den Tiger diesen Augenblick, dich zu holen und besserem Nutzen zuzuführen, als dieser Acariya es kann.“
Nachdem er dies gesagt hatte, tat der Acariya so, als ob er den Tiger riefe: „Wo ist der Tiger nur hingegangen? Komm schnell zurück und hole dir den upasaka jetzt, zögere nicht. Ich übergebe ihn dir als deinen Anhänger, also komme schnell und nimm ihn mit.“

In diesem Moment schrie der upasaka laut auf und schluchzte, verlor völlig seine Fassung und flehte den Acariya an: „Ich habe fürchterliche Angst und beschwöre den Ehrwürdigen Acariya, den Tiger nicht herbeizurufen, oder ich will hier und jetzt sterben. Letzte Nacht dachte ich einige Augenblicke, dass ich sterben würde, aber ich fasste mich so weit, dass ich mein Bewusstsein behielt. So kam ich also schnell, um