Diese strengen Übungsmethoden sind beschrieben worden und fußen auf der Erkenntnis, dass die kilesas der Menschen mit Sicherheit nur davor Angst haben, durch harte Übungen überwunden zu werden, und nicht dadurch, dass man den Geist nach seinem Belieben überallhin gehen lässt. Wendet man Gewalt an, so beugt er sich ein wenig, genug, um die Augen geöffnet zu bekommen und frei zu atmen. Gibt man aber nach und lässt sich von den kilesas verleiten, so gewinnen sie Mut und die Situation verschlechtert sich dramatisch.
Man muss viele Wege und Mittel zur Disziplinierung und Übung nutzen, um die kilesas einzuschüchtern und einen gewissen Grad des Friedens zu erzielen. Wer die Unterwerfung der kilesas für sich erreichen will, muss die harten Methoden zur Übung und Disziplinierung aufgreifen und in einer solchen Weise nutzen, dass sie für seine jeweilige Persönlichkeit geeignet sind. Dies ist möglicherweise der Weg für ihn, von Zeit zu Zeit die kilesas zu umgehen und sie Schritt für Schritt zu schwächen und letztlich zu vernichten. Diese Vorgehensweise verringert auch schrittweise die den Geist quälende Unzufriedenheit, bis er durch diese hilfreichen Methoden den „sicheren Hafen“ des Glücks und der Freude erreicht.
Jene Bhikkhus, die durch die Anwendung dieser strengen und harten Methoden Ergebnisse erzielt haben, erlangen in der Tat Ergebnisse, die für den Geist klar erkennbar und offensichtlich sind. Dies geschieht normalerweise, weil das citta, das auf diese Weise geübt werden muss, ausgesprochen verwegen ist und ohne Zögern alle Kraft einsetzt für das, was es gerade tut. Wenn ein solcher Mönch kämpft, dann kämpft er wirklich, und wenn er stirbt, dann stirbt er wirklich, aber er gibt nicht auf.
Wenn dieser Mönch also einen Übungsort sucht, um seine Angst zu überwinden, so sucht er einen, wo er das auch wirklich kann, zum Beispiel einen, wo er Tiger als Lehrer zur Unterstützung seiner Übung finden kann. Je furchteinflößender ihm ein Ort zu sein scheint, desto entschlossener ist er, diesen aufzusuchen und sich wie in einem „Kampf auf Leben und Tod“ zu üben.
In einem solchen Moment ist er sogar bereit zu sterben. Er will einfach nur die Angst durch die höheren Kräfte der Achtsamkeit und der Weisheit ausgelöscht sehen. Er gibt sich vollständig hin, sonst wäre er niemals in der Lage, seinen Geist zu üben, der für sich allein an einem Furcht erregenden Ort schon ängstlich genug ist. Er ist aber tatsächlich fähig, dies auszuhalten, bis er die Furcht einflößende Kraft der Angst sieht und erkennt, dass diese im Wettstreit mit der überwältigenden Kraft des Dhamma nicht bestehen kann, sodass sie sich direkt vor seinen Augen auflöst. An Stelle der Angst entsteht ganz offensichtlich eine kühne Furchtlosigkeit und dies beweist, dass die Übungspraktiken, die er angewendet hat, nicht nutzlos sind, sondern jenseits aller Vorstellungskraft von größtem Wert sind.
Der Geist einiger Menschen wird in dem Augenblick ruhig, in dem sie Tiger in ihrer Nähe brüllen hören. Bei anderen wiederum konzentriert sich das citta und versinkt in einen Zustand der Ruhe, sobald es den Tiger, dem es gleichgültig ist und der sich nicht darum kümmert, ob jemand nun ein Interesse daran hat, sich vor ihm zu fürchten oder nicht, in seiner Weise umherstreifen hört. Wieder andere, deren citta bei den üblichen Übungspraktiken niemals in der Lage ist, sich zu unterwerfen und in einen Ruhezustand abzusinken, bringen ihr citta dadurch zur Umkehr und dazu, in den Zustand von samadhi zu gelangen, dass sie an einem Weg oder Ort, wo Tiger üblicherweise umherstreifen, eine Sitzmeditation durchzuführen. Hierbei nutzen sie den Gedanken und die Angst, dass die Tiger kommen und nach ihnen schauen werden, wenngleich sie das zu diesem Zeitpunkt gerade nicht tun.
Es gibt zwei Methoden zur Durchführung der Meditation, wenn Angst entsteht. Die erste besteht darin, dass man das citta dazu bringt, sich zu konzentrieren und bei dem Aspekt des Dhamma zu verharren, auf den man sich üblicherweise konzentriert. Dabei gestattet man dem citta nicht, dass es sich nach draußen wendet und über Tiger oder irgendwelche anderen Tiere nachdenkt oder gar träumt. Die Meditationsübung verharrt lediglich auf dem einen Aspekt des Dhamma und überwacht und kontrolliert den Geist mit Achtsamkeit. Dann, ob man nun lebt oder stirbt, zieht man sich vollständig auf diesen Aspekt des Dhamma zurück, den man als anfänglichen Zugang zur Meditation (parikamma) nutzt. Sobald das citta nachgibt, hinabsinkt, wie man hofft, und sich in Dhamma zurückzieht, ohne nach diesem oder jenem zu greifen, wird es mit Sicherheit ruhig. Sobald dann das citta in einen Zustand der Ruhe absinkt, verschwindet die Angst augenblicklich. Dies ist die Übungspraxis für jemanden, der sich im Anfangsstadium der Meditationsübungen befindet.
Die zweite Methode wird von jenen ausgewählt, deren citta samadhi erreichen kann und die eine gewisse Dhamma-Basis des Geistes haben. Wenn bei ihnen Angst entsteht, werden sie höchstwahrscheinlich die Situation mit Weisheit durchleuchten. Mit andern Worten, sie analysieren und untersuchen die Angst und sie analysieren und untersuchen den ganzen Tiger, den das citta als so furchteinfößend empfindet, in allen seinen Einzelteilen. Sie betrachten die Fänge, die Klauen, das Fell, den Kopf, den Schwanz und den Rumpf -jeden einzelnen Körperteil. Sie lösen ihn heraus und betrachten ihn, um herauszufinden, in welcher Weise er Furcht erregend ist. Sie tun dies so lange, bis sie mit Weisheit seine Eigenschaften erkennen und die Angst von selbst verschwindet. Dies ist die Methode für jene, die in der Verfahrensweise zur Entwicklung der Einsicht (vipassana) geübt sind. Durch die Anwendung dieser Methoden werden sie sehr wahrscheinlich in der Lage sein, die Angst zu bewältigen.