Kapitel 2
GeistesTraining
Deshalb ist es notwendig, viele verschiedene Methoden des Trainings bei der Disziplinierung des citta anzuwenden, um den Tricks (maya) der verschiedensten kilesas, die sich ohne Unterlass im citta offenbaren, aus dem Weg zu gehen.
Wer aufmerksam ist, wird erkennen, dass das citta der Brennpunkt aller Angelegenheiten und die Ursache jeder Beunruhigung ist, sodass er kaum, und sei es auch nur für einen Augenblick, in Frieden leben kann. Die meisten dieser Angelegenheiten sind von niederer und schändlicher Natur und lauern nur darauf, unsere Aktivität in ihre Richtung zerren zu können. Es gibt kaum Dinge, die von Dhamma oder Tugend durchdrungen sind oder sich mit diesen befassen, denn nur sie könnten unserem Geist etwas Ruhe und Frieden bringen. Deshalb muss, wem die Wahrheit am Herzen liegt, das citta genau beobachten und es mit den verschiedenen Methoden trainieren und disziplinieren, wobei er dem Beispiel des Erhabenen Buddha und seinen Savakas folgt.
Die natürliche Neigung von jemandem, der gern ständig in den Wäldern lebt, dürfte dieselbe sein wie die der Menschen im Allgemeinen. Kein Mensch würde normalerweise von sich aus Wälder, Berge oder einsame Gegenden aufsuchen wollen, die ansonsten von den Menschen der Welt gemieden werden. Aber um der eigenen Weiterentwicklung, der Würde und der Tugend willen, die aufgrund dieser Denk-und Handlungsweisen entstehen und die man für sich und andere Menschen als wertvoll erachtet, muss man eben auf diese spezielle Weise handeln. Dies kann man mit den verschiedenen Arten von Arbeit in der Welt vergleichen, die notwendigerweise und nicht aus Neigung erledigt werden, denn niemand möchte wirklich Dinge tun, die sowohl Bürde als auch Mühsal sind. In der Welt jedoch muss es außer dem Einerlei von Essen und Schlafen allenthalben noch mühseligere Arbeiten geben.
Die Arbeit, das Herz zu disziplinieren, ist sogar noch anstrengender. Wenn man es vorher noch nicht ausprobiert hat, sollte man niemals eine weltliche Arbeit als schwieriger betrachten. Beschäftigt man sich dann nämlich mit der Arbeit, das citta zu disziplinieren, ist man vielleicht nicht in der Lage, diese durchzuhalten und fortzuführen. Möglicherweise behauptet man, dass sie eine Tortur und Zumutung sei, und folglich wird man sie niederlegen, ohne sich zu überlegen, wie wunderbar und unübertrefflich ihre Ergebnisse sein können.
Aus der obigen Erörterung kann man erkennen, wie zäh die kilesas, die Beherrscher der Herzen, in dem Bestreben, ihre Tyrannei über die Weltlinge zu behaupten, wirklich sind, denn in Wahrheit dient die Disziplinierung des Herzens dazu, die kilesas aus diesem zu entfernen und auszurotten. Aber weder ist der Jäger bereit zu jagen noch ist der Gejagte, der seit unzähligen Zeitaltern der Herrscher über die Herzen von Mensch und Tier ist, bereit, das Feld zu räumen, denn es wäre ja auch nicht so bequem, irgendwo anders zu leben als im Herzen der Menschen, das ständig verhätschelt wird und dem es an nichts fehlen darf. Welche Formen, Töne, Gerüche, Geschmacksrichtungen, Berührungsobjekte und aramana man auch immer begehrt, sie werden einem unverzüglich dargereicht. Die Rechnung, die man dafür zu bezahlen hat, nachdem man sich ausgiebig daran vergnügt hat, kann später beglichen werden. Alle Ausgaben, die man getätigt hat, gehen zu Lasten des Verwalters. Der Herr selbst hat nicht die geringsten Verpflichtungen. Wenn dem so ist, wer kann denn da noch bei der Disziplinierung des citta streng und widerstandsfähig bleiben und die ausgefuchsten und beredsamen kilesas aus dem Herzen vertreiben?
Deshalb ist das Training des citta mit sati-panna bis zum durchdringenden Verständnis, dass die kilesas die Feinde des Herzens sind, äußerst schwierig und ist es schwer, diese als solche zu erkennen. Das Training des citta und die Disziplinierung der kilesas sind eine sehr anstrengende und todernste Angelegenheit und nicht ein auf dem Sportplatz zur Unterhaltung ausgetragener Wettkampf.
Wer in der Lage ist, die kilesas zu entschleiern und sie aus seinem Herzen zu vertreiben, so wie der Erhabene Buddha, ist ein außergewöhnlicher Mensch. Aber wenn ein gewöhnlicher Mensch die kilesas aus seinem Herzen ausrottet, obwohl er nicht so außergewöhnlich wie der Erhabene Buddha sein mag, so muss er wohl außergewöhnlich unter all den kilesas sein. Wer auch immer das aufgrund der Fähigkeit, die kilesas zu vernichten, entstandene Wunder und das wundersame citta, das die Macht der kilesas überwunden hat, besitzt, der steht wahrlich über der Welt und ist auch kein Teil mehr von ihr. Darum ist die totale Eliminierung des ewigen Kreislaufes außerordentlich anstrengend und mühselig.
Der Kammathana Bhikkhu, der darauf besteht, sich in rauhen Gegenden, wie z.B. in Wäldern und Bergen, aufzuhalten, lebt wie in einem Gefängnis. Bevor er sich von den Fesseln der kilesas befreien kann, muss er sich bis an seine äußerste Grenze verausgabt haben – um es entweder zu schaffen oder daran zu zerbrechen. Der Weg des citta zur Wahrheit des Dhamma ist von genau demselben Kaliber und in der Tat sehr anstrengend. Ganz abgesehen von den peinigenden Lebensumständen, ist die Art der Nahrungsaufnahme, als Teil der Praxis, von ebenso quälender Natur. Wem daran liegt, durch das tiefe Dickicht der Dunkelheit hindurch zu finden, der muss danach streben sich zu disziplinieren, denn das ist Praxis und Tugend. Obwohl er ausgehungert sein und sich wünschen mag, eine Menge zu verspeisen, wird er, wenn er Interesse am Dhamma hat, sich dies versagen und durchhalten. Er wird dann nur sehr wenig essen, um quasi eine Balance zu schaffen zwischen einer ausreichenden Ernährung der dhatu khanda und einer Förderung der Entwicklung des citta, solange die Praxis voranschreitet. Er wird konsequenter Weise nur sehr wenig essen, wenn er merkt, das diese patipada seinem Wesen entspricht. Sollte er jedoch gelegentlich die Nahrungsmenge erhöhen, so muss er beständig achtsam sein und darf seinen Standard der Praxis nicht vergessen. Bei einem Wechsel zwischen Fasten und Essen wären die dhatu khanda in der Lage normal zu arbeiten, ohne zu sehr erschöpft oder von Krankheit niedergeworfen zu werden, während sich das citta allmählich festigt und Fortschritte macht im Einklang mit der Intensität der Anstrengungen, die diesen Prozess unaufhörlich unterstützen. Ist seine vasana79, unterstützt von den verschiedensten Formen seiner Anstrengungen, ausreichend, dann wird er auch sein Ziel erreichen können.
Wer eine Veranlagung zum Fasten hat, wird sich auch darum bemühen, indem er abwechselnd keine Nahrung zu sich nimmt und normal isst oder nur wenig zu sich nimmt, so wie es eben die Situation erfordert. Ergibt sich die Gelegenheit, dann wird man die Anstrengungen des citta verstärken, während man die Verhätschelung der dhatu khandhas einschränkt, um die Leichtigkeit der Praxis zu fördern. Das citta wird sich reibungslos entwickeln und freudiger werden. Wenn es angebracht ist, wird man seine samadhi Praxis abwechselnd mit der Entwicklung von panna vorantreiben.
Wer sich um die Verwirklichung des Dhamma bemüht, ob er nun in den Wäldern, in den Bergen, auf Felsvorsprüngen oder irgendwo anders haust, ob er die Nahrungsaufnahme reduziert, oder fastet, widmet sein ganzes Leben, und zwar in allen verschiedenen Körperstellungen, vollständig der Meditationspraxis. Jeder von ihnen beobachtet aufmerksam die Reaktionen seines Herzens, das mit den verschiedensten arammanas in Berührung kommt. Das Herz, das konsequent und ordentlich ernährt wird, wird sich allmählich verbessern: samadhi wird stabil und panna scharf und durchdringend werden. Man wird erkennen, was man noch nie gewusst, sehen, was man noch
79 Fähigkeiten, Mittel, die in der Vergangenheit entwickelt oder erworben wurden
nie geschaut hat, sein, was man noch nie gewesen ist, und das alles ganz allein im Herzen, das ernsthaft und bereitwillig sich zu verbessern sucht.
Faulheit, Schwachheit, Zusammenhanglosigkeit, Unbeständigkeit, Verworrenheit, Rastlosigkeit und geistige Blindheit, die dem normalen citta innewohnen, werden sich im Laufe der Zeit allmählich und stetig verringern, so lange, bis man klar erkennen kann, wie viel davon verschwunden ist. Die Ergebnisse, die sich zeigen, ganz besonders bei den drei das Herz peinigenden Methoden – mit Hilfe von Furcht, durch endloses Fasten (bei entsprechendem Temperament) und bei lange andauerndem Sitzen mit dukkha vedana als Untersuchungsobjekt – sind um vieles tiefgründiger und wundersamer, als bei anderen Methoden des Trainings. Diese Methoden sollen später, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt, erörtert werden.
Es ist dem Praktizierenden überlassen, die Methoden für sein Training zu ersinnen, da sich diese von Mensch zu Mensch unterscheiden. Einige Praktizierende, selbst nachdem sie im wilden an sich schon ziemlich furchterregenden Dschungel gelebt haben, ersannen sich dazu noch andere Mittel, die auf Zeit, Ort und Umstände abgestimmt waren. Befindet man sich an einem solchen Ort und fürchtet sich das citta während der Nacht, so kann man noch die anderen Teile des Waldes aufsuchen und, um die immer größer werdende Angst weiter zu verstärken, dort auf Felsnasen und auf Felsen am Berghang oder an offenen Stellen in samadhi bhavana sitzen oder seine Gehmeditation an verschiedenen Orten durchführen, die von großen Tigern heimgesucht werden. Dies setzt man dann über längere Zeit fort.
In solchen Zeiten untersucht das citta die Beschaffenheit von Furcht und Tod sowie das Wesen von Tigern, die für das citta anscheinend so furchterregend sind, und ebenso seine eigene Natur, um den Unterschied zu erkennen, der solche Furcht entstehen lassen kann. Man untersucht durch Vergleichen und Unterscheiden der verschiedenen Aspekte, die das citta angeblich für deren Ursache hält:
„Was ist so furchterregend an einem Tiger? Denke ich an die Fänge des Tigers, auch ich besitze Zähne; die Klauen des Tigers, auch ich habe Nägel; das Fell des Tigers, auch ich habe Haare; den Kopf des Tigers, auch ich habe einen Kopf; den Körper des Tigers, auch ich besitze einen Körper; die Augen des Tigers, auch ich habe Augen; des Tigers Streifen, auch ich habe Tätowierungen und Körpermale; aber wenn ich an den Schwanz des Tigers denke, selbst der Tiger hat davor keine Angst, warum sollte ich dann davor Angst haben?“
„Spreche ich vom Herzen des Tigers und von meinem eigenen, so sind sich beide gleich, nur dass mein Herz das Herz eines Menschen und das eines Mönches ist und daher einen viel höheren Stellenwert hat. Selbst die verschiedenen Organe und Körperteile des Tigers und meiner selbst bestehen aus denselben Elementen. Es gibt zu wenige Unterschiede, um sich gegenseitig Angst einzujagen. Das Wesen des Tigers ist das Wesen eines Tieres, wohingegen meines das eines Mönches ist, das noch zudem von Dhamma getragen wird und unvergleichlich viel mächtiger ist als das des Tigers. Warum sollte ich also mein Ansehen und meine Stellung als Mönch erniedrigen, indem ich Angst vor einem Tiger habe, der gerade mal eben ein vierbeiniges Tier ist? Wäre das nicht entwürdigend für mein Ansehen als Mönch?“
„Darüber hinaus würde man damit die Sasana mit ihrer Kraft und ihren Wundern für die drei Weltsysteme schwächen, in den Schmutz ziehen und durch den Makel eines feigen und furchtsamen Mönches entwerten. Der Schaden und die Entweihung der Sasana, des unermesslichen Schatzes der drei Weltsysteme, der dadurch entsteht, dass man sein eigenes Leben mehr liebt als das Dhamma, schickt sich überhaupt nicht! Stirbt man, so geschieht dies aufgrund der eigenen Unwissenheit, der es an Weisheit mangelt, ohne auch nur die geringste Auszeichnung oder Würde für einen selbst oder das Sasana. Der Kammatthana Bhikkhu, der auf diese Weise stirbt, stirbt gleich einem, der sich selbst, das Sasana und all jene, die überall praktizieren, verrät. Das ist nicht der Tod eines Kriegers, der um kamma80 weiß und furchtlos den sich ihm bietenden Umständen in die Augen schaut.“

„Ich bin ein Kammatthana Bhikkhu. Ich werde nicht auf diese Weise zu Grunde gehen, sondern als Kämpfer sterben und mein Leben mit Kühnheit und Furchtlosigkeit in der Schlacht verlieren. Dies wird meine Ehre erhalten und es dem Sasana ermöglichen, lange Zeit in der Welt zu bestehen. Deshalb muss ich beides, meine eigene Natur und die des Tigers, die verschiedenen Organe und Körperteile des Tigers und meiner selbst und die Natur der Furcht, die mich vollständig durchdringt, genau untersuchen, um sie klar zu erkennen. Ich muss dies ganz deutlich mit panna erkennen und darf der Furcht nicht erlauben, mir auf der Nase herumzutanzen, denn das wäre entehrend für mich, der ich als Mann mit dem Status eines

 

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