5. Die bedingte Entstehung (Paticcasamuppada)

Die Lehre der Paticcasamuppada (die bedingte Entstehung) enthüllt die zur Entstehung der Übel und Leiden in dieser Welt existierenden Ursachen und Bedingungen und zeigt, wie durch Aufhebung der Bedingungen in Zukunft auch das Leiden nicht mehr entstehen kann. Sie zeigt, wie das gegenwärtige Dasein mit all seinem Weh und Leiden durch den lebensbejahenden Willentrieb und die Willenstätigkeit oder Karma in früherer Geburt bedingt bzw. verursacht ist; wie wiederum unser zukünftiges Leben von den gegenwärtigen lebensbejahenden Willenstätigkeit oder Karma abhängig ist; wie es ohne diese Dinge zu keiner künftigen Geburt mehr kommen kann und dass eben damit die Befreiung von der Daseinswanderung, dem rastlos rollenden Rade des Daseins erreicht ist. Dies aber ist Ziel und der eigentlich Zweck der Lehre des Buddhas, die Erlösung von Wiedergeburt und Leiden. Der Kern der Lehre wird in einer kurzen Formel von vier Zeilen dargelegt:

Wenn dies ist, ist jenes (Imasming Sati Idang Hoti);
Wenn dies entsteht, entsteht jenes (Imassuppada Idang Uppajjati);
Wenn dies nicht ist, ist jenes nicht (Imasming Asati Idang Na Hoti);
Wenn dies aufhört, hört jenes auf (Imassa Nirodha Idang Nirujjati).

Nach diesem Grundsatz der Bedingtheit, der Relativität und der gegenseitigen wird das ganze Dasein und die Fortdauer und das Aufhören des Lebens in einer ausführlichen Formel erklärt, die Paticcasamuppada (die Bedingte Entstehung) genannt wird und aus zwölf Teilen besteht:

1. Avijja paccaya sankhara: Durch Unwissenheit (Avijja) bedingt sind die Willenshandlungen oder Karmaformation (Sankhara), nämlich die, die Wiedergeburt erzeugenden, heilsamen und unheilsamen Willensäußerungen (Cetana), oder auch Karma.

2. Sankhara paccaya vinyanang: Durch die Karmaformation (Sankhara) bedingt ist das Bewusstsein (Vinjanang), nämlich der im Moment der Wiedergeburt eintretende Bewusstseinsprozess.

3. Vinyanang paccaya nama-rupa: Durch das Bewusstsein (Vinyanang) bedingt ist das Geistige und Körperliche (Nama-rupa), das sind die, die das individuelle Dasein ausmachenden, geistige und körperliche Phänomäne.

4. Nama-rupa paccaya Salayatana: Durch das Geistige und Körperliche (Nama-rupa) bedingt sind sechs Grundlagen (Salayatana), nämlich die, den Geistigen Vorgängen zu Grunde liegenden, fünf physischen Sinnesorgane und als sechste das Bewusstsein.

5. Salayatana paccaya phassa: Durch die sechs Grundlagen (Salayatana) bedingt ist der Bewusstseinseindruck (Phassa), nämlich Sieh, Hör, Riech, Schmeck, Körper und Geisteindruck.

6. Phassa paccaya vedana: Durch den Bewusstseinseindruck (Phassa) bedingt ist das Gefühl (Vedana), nämlich das körperliche und geistige Wohl und Wehegefühl, sowie das indifferente Gefühl.

7. Vedana paccaya tanha: Durch das Gefühl (Vedana) bedingt ist das Begehren (Tanha).

8. Tanha paccaya upadana: Durch Begehren (Tanha) bedingt ist das Anhaften (Upadana).

9. Upadana paccaya bhava: Durch Anhaften (Upadana) bedingt ist der Werdeprozess (Bhava), nämlich der, die Wiedergeburt erzeugende, karmisch-aktive Werdeprozess (Kamma-bhava = Karma) und der karmisch-gewirkte passive Werdeprozess des Wiedergeborenwerdens (Uppati-bhava).

10. Bhava paccaya jati: Durch den (Karmisch-aktiven) Werdeprozess (Bhava) bedingt ist die Geburt (Jati), das ist der karmisch-gewirkte passive Werdeprozess der Wiedergeburt.

11. Jati paccaya jara-marana: Durch die Geburt (Jati) bedingt sind Altern und Sterben (Jara-marana).

Hiermit ist nun die Darstellung der elf Sätze der Paticcasamuppada, der Bedingten Entstehung, zum Abschluss gebracht. Aus den Ausführungen kann man ersehen, dass die zwölf Glieder, der elf Sätze, sich auf drei aufeinander folgende Leben verteilen und das sie auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft angewandt werden können. Dabei repräsentieren 1 – 2 die fünf karmischen Ursachen im vergangenen Leben, 3 – 7 die fünf Wirkungen im gegenwärtigem Leben, 8 – 10 die fünf karmischen Ursachen im gegenwärtigem Leben und 11 – 12 die fünf Wirkungen im zukünftigen Leben.

So entsteht Leben, ist Leben und Leben dauert fort. Wendet man diese Formel in Entgegengesetztem Sinn an, dann kommt man zur Aufhebung des Daseinprozesses: Infolge der völligen Beseitigung des Nichtwissens hören die Willenshandlungen oder Karmaformationen auf; infolge Aufhörens der Willenshandlungen entsteht kein Bewusstsein mehr…….infolge des Aufhörens der Geburt sind Verfall, Tod, Kummer usw. aufgehoben. Das von dem Buddha gewiesene Ziel, Befreiung vom Wiedergeburt und Leiden, wird dann verwirklicht sein.

Man muss klar begreifen, dass jeder dieser Faktoren sowohl bedingt, als auch bedingt ist. Aus diesem Grund sind sie alle relative, gegenseitig, abhängig von einander und miteinander verbunden, nichts ist absolut oder unabhängig; daher wird vom Buddhismus keine erste Ursache angenommen. Man sollte diese Bedingte Entstehung als einem Kreis, nicht als Kette betrachten.