BUDDHISMUS IN DER HEUTIGEN WELT.

Einige Menschen glauben, der Buddhismus sei ein Lehrsystem mit so hohen und erhabenen Zielen, dass gewöhnliche Menschen in unserer heutigen Arbeitswelt ihn nicht in die Praxis umsetzen können. Sie meinen daher, dass man diese Welt verlassen und sich in einen Tempel oder an irgendeinen ruhigen Platz zurückziehen muß, wenn man ein wahrer Buddhist sein will.

Das ist eine Auffassung, die offensichtlich auf einen Mangel an Verständnis für die Lehre des Buddha zurückzuführen ist. Die Leute kommen zu solchen vorschnellen und falschen Schlüssen, weil sie zufällig von Jemandem etwas über den Buddhismus gehört oder gelesen haben, der die Lehre nur oberflächlich verstanden hat und nun eine einseitige und unbegründete Ansicht darüber vermittelt. Die Lehre des Buddha ist keineswegs nur für Mönche in einem Tempel bestimmt, sondern auch für Menschen, die das übliche Leben in Familie und Häuslichkeit führen. Der Edle Achtgliedrige Pfad, der buddhistische Lebensweg, wendet sich unterschiedslos an alle.

Alle Menschen in der Welt können nicht Mönche werden oder sich in Höhlen und Wälder zurückziehen. Wie rein, edel und erhaben der Buddhismus auch sein mag, er würde für die Massen der Menschheit nutzlos sein, wenn man ihm nicht heute in ihrem täglichen Leben in der Welt nachfolgen könnten. Wenn man aber den Geist des Buddhismus richtig versteht (und nicht nur seinen Buchstaben), dann kann man ihm in jeder Lebenslage folgen und in die Tat umsetzen.

Es mag Menschen geben, die es leichter und förderlicher finden, wenn sie für die Verwirklichung der Lehre abseits von der Gesellschaft, an einem ruhigen und entlegenen Ort leben. Andere mögen finden, dass solche Zurückgezogenheit sie körperlich und geistig erschlafft und niederdrückt und daher für ihre geistige Entwicklung nicht zuträglich ist.

Wirkliche Entsagung bedeutet nicht, dass man sich körperlich aus der Welt zurückziehen muß. Sariputta, der Hauptschüler des Buddha, sagte, dass ein Mann, asketische Übungen hingegeben, in einem Wald leben und doch voll von unsauberen Gedanken und geistigen Befleckungen sein kann; ein anderer aber lebt ohne asketische Zucht in einem Dorf oder einer Stadt, ist jedoch reinen Geistes und frei von Befleckung. Von diesen beiden, erklärt Sariputta, ist der Mann, der ein reines Leben in einem Dorf oder einer Stadt führt, besser und größer als der, der mit unsauberen Gedanken im Walde lebt.

Die übliche Meinung, dass man sich vom Weltleben zurückziehen müsse, wenn man der Lehre des Buddha folgen will, ist also ein Missverständnis. Sie ist oft nur eine unbewusste Entschuldigung dafür, die Lehre nicht in die Praxis umzusetzen. In der buddhistischen Literatur gibt es zahlreiche Hinweise auf Männer und Frauen, die ein gewöhnliches, normales Familienleben führten, dabei erfolgreich übten, was Buddha lehrte und Nirvana ( Erlösen ) erfuhren. Vacchagotta, der Wanderer, fragte einst den Buddha, ob es Laien gäbe, Männer und Frauen, die der Lehre erfolgreich nachfolgten und hohe geistige Zustände erreichten, obwohl sie ein Familienleben führten. Buddha erklärte bestimmt, dass es nicht nur einige, sondern viele hundert Laien, Männer und Frauen, gäbe, die seiner Lehre nachfolgten und zu hohen geistigen Zuständen gelangten, obwohl sie ein Familienleben führten.

Es mag für manche Leute passend und angenehm sein, an einem ruhigen Ort ein zurückgezogenes Leben zu führen, fern von Lärm und Störung. Lobenswerter und mutiger ist es aber gewiss, ein buddhistisches Leben unter seinen Mitmenschen zu führen, ihnen zu helfen und zu dienen. Manchmal kann es für einen Mann vielleicht nützlich sein, eine Zeitlang in Zurückgezogenheit zu leben, um seinen Geist und Charakter zu verbessern, gleichsam als eine vorbereitende moralische, geistige und intellektuelle Übung, damit er stark genug wird, um dann wieder zurückzukehren und anderen zu helfen. Wenn aber ein Mann sein ganzes Leben in Einsamkeit verbringt, nur an sein eigenes Glück und an seine <Rettung> denkt, ohne sich um seine Mitmenschen zu kümmern, so ist das sicherlich nicht in Übereinstimmung mit der Lehre des Buddha, die auf Liebe, Mitleid und Hilfsbereitschaft für andere gegründet ist.

Mann könnte nun fragen: Wenn ein Mann in seinem gewöhnlichen Laienleben praktischer Buddhist sein kann, warum hat Buddha dann den Sangha, den Orden der Mönche, gegründet? Der Orden gibt denen, die ihr Leben nicht nur ihrer eigenen geistigen und intellektuellen Entwicklung, sondern auch dem Dienst für andere widmen wollen, eine Möglichkeit dazu. Von einem gewöhnlichen Laien mit Familie kann man es nicht erwarten, dass er sein ganzes Leben dem Dienst für andere widmet, wogegen der Mönch, der keine familiären Verpflichtungen oder irgendwelche weltlichen Bindungen hat, in der Lage ist, sein ganzes Leben – nach dem Rat des Buddha - <für das Wohl und das Glück der Vielen> hinzugeben. Dadurch ist der buddhistische Tempel im Lauf der Geschichte nicht nur ein geistliches Zentrum, sondern auch eine Stätte der Gelehrsamkeit und der Kultur geworden.

Das Sigala-sutta (Nr. 31 des Digha-nikaya) zeigt, mit welch großer Achtung Buddha das Leben des Laien, seine Familie und seine sozialen Beziehungen betrachtete.
Ein junger Mann Namens Sigala hatte die Gewohnheit, die sechs Richtungen des Raumes - Osten, Süden, Westen, Norden, den Fußpunkt und den Scheitelpunkt - zu verehren. Er erfüllte so gehorsam den letzten Ratschlag seines sterbenden Vaters. Buddha sagte dem jungen Mann, dass nach seiner Lehre die sechs Richtungen als unterschiedliche Sinnbilder betrachtet werden, und zwar der Osten für Eltern, der Süden für die Lehrer, der Westen für die Frau und Kinder, der Norden für Freunde, Verwandte und Nachbarn, der Fußpunkt für Diener, Arbeiter und Angestellte, der Scheitelpunkt für Diener der Religion.

Man muss diese sechs Richtungen verehren, sagte Buddha. Das Wort <verehren> ist hier sehr bedeutsam, denn man verehrt etwas Heiliges, etwas, das der Ehre und der Achtung würdig ist. Diese oben erwähnten sechs sozialen Gruppen werden im Buddhismus als der Achtung und Verehrung würdig angesehen. Wie aber soll man sie verehren? Buddha erklärt, dass man sie nur <verehren> kann, indem man seine Pflichten ihnen gegenüber erfüllt. Diese Pflichten werden in seinem Gespräch mit Sigala aufgezählt.

1. Die Eltern sind ihren Kindern heilig. Buddha sagt: <Die Eltern werden Brahma (Brahmati matapitaro) genannt.> Der Ausdruck Brahma bezeichnet die höchste und heiligste Vorstellung im indischen Denken, und in dieser schließt der Buddha die Eltern ein. So verehren heutigentags in guten buddhistischen Familien, die Kinder ihre Eltern täglich, morgens und abends. Sie haben ihren Eltern gegenüber gewisse Pflichten zu erfüllen: sie haben für ihre Eltern zu sorgen, wenn sie alt sind, sie haben alles für sie zu tun, was notwendig ist, sie haben die Ehre der Familie aufrechtzuerhalten und die Tradition fortzusetzen, sie haben das von den Eltern erworbene Gut zu schützen und nach deren Tod die Leichenfeier zu veranstalten. Die Eltern ihrerseits haben auch gewisse Verpflichtungen den Kindern gegenüber: sie sollen ihre Kinder von schlechten Wegen fernhalten und sie zu guter und nützlicher Tätigkeit veranlassen; sie sollen ihnen eine gute Erziehung geben und dazu beitragen, dass sie in gute Familien hineinheiraten. Zu passender Zeit sollen sie ihnen das Erbteil übergeben.

2. Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler. Ein Schüler soll seinen Lehrer achten und ihm gehorsam sein, soll ihm in der Not helfen, soll ernsthaft studieren. Der Lehrer seinerseits soll seinen Schüler richtig erziehen und bilden, soll ihn gut unterrichten, soll ihn bei seinen Freunden einführen und ihm helfen, nach Abschluß der Erziehung, eine Anstellung zu finden.

3. Die Beziehung zwischen Ehegatten. Die Liebe zwischen ihnen wird als <heiliges Familienleben> bezeichnet. Dieser Verbindung wird die höchste Achtung erwiesen. Eheleute sollen aufrichtig, achtungsvoll und einander ergeben sein und haben gegeneinander gewisse Pflichten zu erfüllen. Der Ehemann soll seine Frau immer ehren und es niemals an Achtung ihr gegenüber fehlen lassen; er soll sie lieben und ihr treu sein, soll ihre Stellung und Behaglichkeit sicherstellen und ihr Freude machen, indem er ihr Kleider und Schmuck schenkt (die Tatsache, dass Buddha so etwas wie die Geschenke, die ein Ehemann seiner Frau geben soll, nicht zu erwähnen, vergessen hat, zeigt, wie verständnisvoll und teilnehmend seine Gefühle den gewöhnlichen menschlichen Gemütsbewegungen gegenüber waren). Die Ehefrau ihrerseits soll sich um den Haushalt kümmern und ihn überwachen, soll Gäste, Besucher, Freunde, Verwandte und Angestellte bewirten, soll ihrem Gatten in Liebe und Treue ergeben sein, soll sein Vermögen schützen und klug und tatkräftig in all ihrer Tätigkeit sein.

4. Die Beziehungen zwischen Freunden, Verwandten und Nachbarn. Sie sollen gastfreundlich und gütig zu einander sein, sie sollen freundlich und angemessen miteinander sprechen, sollen für ihr gegenseitiges Wohl arbeiten, sollen sich als gleichgestellt behandeln, nicht miteinander streiten, sich in Not und in Schwierigkeiten nicht im Stich lassen.

5. Die Beziehungen zwischen Herr und Diener. Der Herr oder Arbeitgeber hat mehrere Verpflichtungen gegenüber seinem Diener oder Angestellten: die Arbeit soll nach Anlagen und Fähigkeiten zugewiesen und angemessene Löhne sollen gezahlt werden, für ärztliche Hilfe soll gesorgt und gelegentliche Geschenke und Vergütungen sollen gewährt werden. Der Diener oder Angestellte seinerseits soll fleißig und nicht träge sein und seinen Herrn nicht betrügen; er soll ernsthaft in seiner Arbeit sein.

6. Die Beziehungen zwischen den Dienern der Religion und den Laien. Die Laien sollen mit Liebe und Achtung für die materiellen Bedürfnisse der Religiösen, d. h. der Mönche, sorgen, während die Mönche mit liebendem Herzen, Wissen und Gelehrsamkeit, den Laien mitteilen und sie vom Üblen fort auf den guten Pfad führen sollen.

Wir sehen also, dass das Leben der Laien mit seinen familiären und gesellschaftlichen Beziehungen in den Rahmen der buddhistischen Lebensführung, wie sie von Buddha begründet ist, hineingehört. Daher erklärt im Samyutta-nikaya, einem der ältesten Pali-Texte, Sakka, der <König der Götter>, dass er nicht nur die Mönche verehre, die ein beispielhaftes, heiliges Leben führen, sondern auch <Laienschüler (upasaka/upasika), die verdienstvolle Taten vollbringen, die untadelig sind und die ihre Familien in rechtlicher Weise versorgen.>

Wenn man Buddhist werden will, braucht man sich keiner Einweihungszeremonie oder Taufe zu unterziehen (um jedoch ein Bhikkhu zu werden, ein Mitglied des Mönchsordens, muss man einen langen Entwicklungsgang mönchischer Schulung und religiöser Erziehung durchmachen). Wenn man die Lehre des Buddha versteht, überzeugt ist, dass sie der richtige Weg ist, und versucht, diesen Weg zu gehen, dann ist man Buddhist. Nach einer alten, ununterbrochenen Tradition in den buddhistischen Ländern wird man als Buddhist betrachtet, wenn man seine Zuflucht zum Buddha, zum Dhamma (Lehre) und zum Sangha (Mönchorden) - allgemein <die drei Kleinode> genannt - genommen hat; man verpflichtet sich dann, im Anschluß daran, das Minimum moralischer Verpflichtungen eines buddhistischen Laien, die fünf Sittenregeln (pancasila) zu befolgen, d. h. (1) kein Leben zu vernichten, (2) nicht zu stehlen, (3) keinen Ehebruch zu begehen, (4) nicht zu lügen und (5) sich berauschender Getränke zu enthalten.

Es gibt keine äußerlichen Gebräuche oder Verrichtungen, die ein Buddhist ausführen müsste. Der Buddhismus ist ein Lebensweg, und es ist wesentlich, dass man dem Edlen Achtgliedrigen Pfad folgt. Natürlich gibt es in allen buddhistischen Länden bei religiösen Anlässen einfache und schöne Gebräuche. In einem Tempel gibt es gewöhnlich eine Stupa oder Dagoba, einen domartigen Bau (mit Schrein), in dem manchmal Überreste Buddhas aufbewahrt werden, einen Boddhi oder Boddhi-Raum in Erinnerung an den Boddhi-Baum in Buddhagaya, unter dem Buddha die Erleuchtung erreichte, und ein Gebäude mit einer Statue des Buddha. Die Buddhisten gehen gewöhnlich an den Tagen des Vollmonds, Neumonds und Viertelmonds in den Tempel. Sie rezitieren dort die drei Zufluchtsformeln (Buddha, Dhamma und Sangha) und die fünf Sittenregeln, indem sie vor einem dieser drei Objekte verehrend niederknien. Dann entzünden sie Öllämpchen (oder Kerzen), bringen Blumen dar und verbrennen Weihrauch. Dabei sagen sie Formeln und Verse auf, in denen die Lauterkeit und Eigenschaften des Buddha, des Dhamma und des Sangha gepriesen werden. Dann hören sie einer Predigt zu (man darf diese Handlungen nicht mit den Gebeten der theistischen Religion vergleichen; sie sind nur eine Art der Huldigung in Erinnerung an den Meister, der den Weg gezeigt hat).

Es gibt noch andere Zeremonien und überlieferte Bräuche. Obwohl sie nicht wesentlich sind, liegt ihr Wert in der Tatsache, dass sie bestimmte Gemütsbewegungen und religiöse Bedürfnisse derjenigen Menschen befriedigen, die intellektuell und geistig weniger entwickelt sind, und ihnen schrittweise auf dem Wege helfen. Wer da glaubt, dass Buddhismus sich nur mit erhebenden Idealen und hohen moralischen und philosophischen Gedanken befasst und sozialem und wirtschaftlichem Wohlergehen der Massen übersieht, irrt sich. Buddha war am Glück der Menschheit interessiert. Nach seiner Ansicht war Glück nur möglich, bei einer lauteren, auf sittliche und religiöse Grundsätze gegründete Lebensführung. Aber er wusste auch, dass eine solche Lebensführung unter ungünstigen materiellen und sozialen Bedingungen schwer ist.

Der Buddhismus betrachtet materielle Wohlfahrt nicht als Selbstzweck; sie ist nur Mittel zu einem Zweck - einem höheren und edleren Ziel. Sie ist aber ein unerlässliches Mittel, unerlässlich, um einen höheren Zweck, zum Glück der Menschheit zu erreichen. So erkennt der Buddhismus also an, dass ein Mindestmaß materieller Lebensbedingungen für ein erfolgreiches, geistiges Streben nötig ist, sogar dann, wenn es sich um einen Mönch handelt, der an einem entlegenen Ort meditiert.
Buddha löste das Leben nicht aus dem Zusammenhang mit seinem sozialen und ökonomischen Hintergrund; er sah das Leben in all seinen geistigen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen als ein Ganzes an. Die Lehre des Buddha über ethische, geistige und philosophische Fragen sind ziemlich gut bekannt. Doch ist man, besonders im Westen, mit seinen Lehre über soziale, wirtschaftliche und politische Fragen wenig vertraut. Dabei gibt es zahlreiche Reden und Gespräche, zerstreut in den alten buddhistischen Texten, die sich hiermit befassen. Wir wollen hier nur einige Beispiele nennen.

Das Cakkavattisihanada-sutta des Digha-nikaya (Nr.26) stellt klar und deutlich fest, das Armut die Ursache der Unmoral und der Verbrechen ist, wie Diebstahl, Betrug, Gewalttätigkeit, Haß, Grausamkeit usw. Wie die Könige in den alten Zeiten, versuchen, die Regierungen heute, das Verbrechen durch Strafen zu unterdrücken. Das
Kutadanta-sutta desselben Nikaya macht es klar, wie vergeblich das ist und das diese Methode niemals Erfolg haben kann. Um das Verbrechen auszurotten, schlägt Buddha statt dessen vor, die wirtschaftlichen Bedingungen des Volkes zu verbessern. Er sagt, man müsste den Bauern und landwirtschaftlichen Angestellten Sämereien und andere notwendige Mittel für die Landwirtschaft liefern, für Kaufleute und sonst geschäftlich tätige Personen müsste man Kapital zur Verfügung stellen und den Angestellten angemessene Löhne zahlen. Wenn man den Leuten so die Möglichkeit gegeben hat, ein ausreichendes Einkommen zu verdienen, dann werden sie zufrieden sein, werden sie weder Furcht noch Sorgen haben, und infolgedessen wird das Land friedlich und von Verbrechen frei sein.

Daher erinnerte Buddha die Laien daran, wie wichtig es für sie sei, ihre wirtschaftlichen Bedingungen zu verbessern. Das bedeutet nicht, dass er das Anhäufen von Reichtum aus Habsucht und Besitzgier billigte, was gegen die Grundsätze seiner Lehre verstoßen würde, auch billigte er nicht, dass man jedes beliebige Mittel benutze, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Gewisse Handelszweige, wie zum Beispiel die Herstellung und der Verkauf von Waffen werden, wie wir schon früher sahen, von Buddha als unmoralische Mittel des Lebenserwebs verworfen.

Ein Mann Namens Dighajanu besuchte einst Buddha und sagte: „Ehrwürdiger Herr, wir sind gewöhnliche Laien und führen ein Familienleben mit Frau und Kindern. Könnte uns der Erhabene nicht einige Lehren geben, die zu unserem Glück in dieser Welt und danach beitragen?“
Buddha antwortete ihm, es gäbe vier Dinge, die den Menschen zum Glück in dieser Welt verhelfen:
1. Utthana-sampada: Er soll gewandt, fleißig und tatkräftig sein, in seinem Beruf und gute Berufskenntnisse haben.
2. Arakkha-sampada: Er soll sein Einkommen, das er auf ehrliche Weise verdient hat, schützen; (dies bezieht sich auf den Schutz des Wohlstandes gegen Diebe u. a. Alle diese Überlegungen muss man im Zusammenhang mit dem damaligen Zeitalter verstehen.)
3. Kalyana-mitta: Er soll gute Freunde haben, die zuverlässig, lauter, freigebig und klug sind und ihm helfen werden, den rechten Weg zu gehen und sich vom Üblen fernzuhalten.
4. Samajiwikata: Er soll vernünftig, im richtigen Verhältnis zu seinem Einkommen, ausgeben, nicht zu viel und nicht zu wenig, d. h. er soll nicht geizig, Vermögen anhäufen noch auch verschwenderisch sein – mit anderen Worten: er soll im Rahmen seiner Verhältnisse bleiben.
Dann erläutert Buddha die vier Tugenden, die zu des Laien Glück nach diesem Leben führen:
1. Saddha: Er soll an religiöse, sittliche und geistige Werte glauben und sein Vertrauen in sie setzen.
2. Sila: Er soll kein Leben töten und schädigen, nicht stehlen und betrügen, nicht ehebrechen, nicht lügen und keine berauschenden Getränke zu sich nehmen.
3. Caga: Er soll mildtätig und freigebig sein, ohne gierig an seinem Wohlstand zu hängen.
4. Pannya: Er soll Weisheit entwickeln, die zur völligen Aufhebung des Leidens und zur Verwirklichung des Nirvana (Erlösen) führt.
Manchmal ging Buddha hinsichtlich der Ersparnis und Ausgabe von Geld sogar in Einzelheiten, so zum Beispiel als er dem jungen Sigala riet, er sollte ein Viertel seines Einkommens für tägliche Ausgaben verwenden, die Hälfte in ein Geschäft stecken und ein Viertel für Notfälle zurücklegen.

Eines Tages unterhielt sich Buddha mit Anathapindika, dem großen Bankier, einem seiner ergebensten Laienschüler, der für ihn dan berühmten Jetavanas Tempel bei Savatthi errichtete, und sagte, dass es für einen Laien, der ein gewöhnliches Familienleben führe, vier Arten von Glück gäbe:
1. Atthi-sukkha: das erste sei der Genuß der wirtschaftlichen Sicherheit oder eines ausreichenden Vermögens, das redlich und rechtmäßig erworben sei.
2. Bhoga-sukkha: das zweite sei freigebige Verwendung dieses Vermögens für sich, seine Familie, seine Freunde und Verwandten und für gute Werke.
3. Anana-sukkha: das dritte sei die Freiheit von Schulden.
4. Anavaja-sukkha: das vierte Glück aber sei ein untadeliges und sauberes Leben, das frei ist von üblen Gedanken, Worten und Taten.
Drei dieser Glücksarten sind wirtschaftlicher Natur, und Buddha wies den Bankier zum Schluß darauf hin, dass wirtschaftliches und materielles Glück <nicht den sechzehnten Teil> des geistigen Glücks wert sei, das aus einem untadeligen und guten Leben folge.

Man sieht aus diesen Beispielen, dass Buddha wirtschaftliches Wohlergehen für eine Bedingung menschlichen Glücks ansah, dass er aber den Fortschritt nicht als wirklich und echt ansah, wenn er nur materiell, ohne geistige und sittliche Grundlage ist. Wenn der Buddhismus auch den materiellen Fortschritt ermutigt, so legt er doch immer Nachdruck auf die Entwicklung eines sittlichen und geistigen Charakters als Voraussetzung für eine glückliche, friedvolle und zufriedene menschliche Gesellschaft.

Auf dem Gebiet der Politik, über Krieg und Frieden, hatte Buddha ebenfalls ein klares Urteil. Es ist bekannt, dass der Buddhismus als Botschaft an die Welt die Gewaltlosigkeit und den Frieden vertritt und bedingt und keine Art von Gewaltanwendung oder Lebenszerstörung billigt. Nach der Lehre des Buddha gibt es nichts, was man einen <gerechten Krieg> nennen könnte. Das ist nur ein falscher Begriff, den man geprägt und in Umlauf gesetzt hat, um Haß, Grausamkeit und Gewalttätigkeit zu rechtfertigen und zu entschuldigen. Wer entscheidet denn, was gerecht und ungerecht ist? Die Mächtigen und Siegreichen sind <gerecht>, und die Schwachen und Besiegten sind <ungerecht>. Unser Krieg ist immer <gerecht>, und euer Krieg ist immer <ungerecht>. Der Buddhismus erkennt diesen Grundsatz nicht an.

Buddha lehrte nicht nur Gewaltlosigkeit und Frieden, sondern begab sich sogar auf das Schlachtfeld selbst, vermittelte persönlich und verhinderte Kriegshandlungen, wie im Fall der Streitigkeiten zwischen den Sakyas und den Koliyas, die im Begriff waren, über die Frage der Wasserregulierung des Rohiniflusses durch Kampf zu entscheiden. Einst hinderten seine Worte auch den König Ajatasattu, das Königreich der Vajjier anzugreifen.

Es gab in den Tagen des Buddha, wie zu unseren Zeiten, Regenten, die ihre Länder ungerecht regierten. Die Menschen wurde unterdrückt und ausgebeutet, gequält und verfolgt, übermäßige Steuern wurden auferlegt und grausame Strafen verhängt. Buddha nahm sich diese Unmenschlichkeiten sehr zu Herzen. Der Kommentar zum Dhammapada berichtet, dass er daher seine Aufmerksamkeit auf die Frage der guten Regierung richtete. Seine Ansichten müssen im Zusammenhang mit den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen seiner Zeit gewertet werden. Er zeigte, wie ein ganzes Land, verderbt, entartet und unglücklich werden konnte, wenn die Leiter der Regierung, der König, die Minister und die Beamten verderbt und ungerecht werden. Ein Land muß eine gerechte Regierung haben, um glücklich zu sein. Die Grundsätze einer solchen gerechten Regierung werden von Buddha in seiner Lehre von den <zehn Pflichten des Königs> (Dasa-rajadhamma) erklärt.

Natürlich muß man heute den Begriff <König> durch den Ausdruck <Regierung> ersetzen, die <zehn Pflichten des Königs> daher auf alle diejenigen anwenden, die an einer Regierung mitwirken, wie Staatsoberhaupt, Minister, Politiker, Parlamentsmitglieder und Verwaltungsbeamte.
Die zehn Pflichten des Königs sind:
1. Dana: Freigebigkeit und Wohltätigkeit. Der Herrscher soll nicht begierig nach Reichtum und Besitz streben und daran hängen, sondern soll sie zur Wohlfahrt des Volkes verwenden.
2. Sila: Er muß von hohem sittlichem Charakter sein und darf niemals Leben vernichten, betrügen, stehlen, andere ausbeuten, ehebrechen, lügen und berauschende Getränke genießen.
3. Pariccaga: Er muß alles für das Wohl des Volkes opfern und bereit sein, alle persönliche Bequemlichkeit, seinen Namen, seinen Ruf und sogar sein Leben zum Nutzen des Volkes hinzugeben.
4. Ajjava: Er muß ehrlich und rechtschaffen sein, frei von Furcht oder Begünstigung in der Ausführung seiner Pflichten, er soll aufrichtig in seinen Absichten sein und die Öffentlichkeit nicht täuschen.
5. Maddava: Er muß freundlich milde und reuseligen Wesens sein.
6. Tapa: Er muß einfach in seinen Gewohnheiten sein, Selbstkontrolle besitzen und soll kein luxuriöses Leben führen.
7. Akkodha: Er muß frei sein von Hass, Übelwollen und Feindseligkeit und soll keinen Groll gegen Irgendjemanden hegen.
8. Avihimsa: Er darf keine Gewalt anwenden, d.h. er soll nicht nur Niemanden schädigen, sondern er soll auch versuchen, durch Vermeidung und Verhinderung des Krieges und aller Gewaltanwendung und Lebenszerstörung den Frieden zu fördern.
9. Khanti: Er muß geduldig, nachsichtig, duldsam, einsichtsvoll und fähig sein, Bedrängnisse, Schwierigkeiten und Beleidigungen zu ertragen, ohne seine Selbstbeherrschung zu verlieren.
10. Avirodha: Er darf nicht widerstehen und hindern, d. h. er soll dem Willen des Volkes nicht widerstehen und soll nicht irgendwelche Maßnahmen verhindern, die zum Wohl des Volkes führen. Er soll mit anderen Worten in Übereinstimmung mit seinem Volk regieren.

Heute lebt die Welt ständig in Furcht, Argwohn und Spannung. Die Wissenschaft hat Waffen mit unvorstellbarer Zerstörungskraft geschaffen. Die großen Mächte halten diese Todesinstrumente in demonstrativer Bereitschaft, bedrohen einander und fordern sich heraus, wobei sie sich noch schamlos rühmen, dass sie damit mehr Elend und Zerstörung in der Welt verursachen können als die Gegner. Sie sind auf diesem Weg des Wahnsinns, jetzt bis an einen Punkt gelangt, wo das Ergebnis, wenn sie in dieser Richtung nur noch einen Schritt machen, die gegenseitige Vernichtung und die völlige Vertilgung der Menschheit sein wird.

In der Furcht vor einem Zustand, den sie selbst herbeigeführt haben, suchen die Menschen nach einem Ausweg, nach irgendeiner Lösung. Aber es gibt keine außer der, die Buddha angeboten hat - seine Botschaft der Gewaltlosigkeit und des Friedens, der Liebe und des Mitleids, der Duldsamkeit und des Verständnisses, der Wahrheit und der Weisheit, der Achtung und der Ehrfurcht vor allem Lebendigen, der Freiheit von Selbstsucht, Haß und Gewalt.

So spricht der Buddha: „ Nimmer hört im Weltenlauf die Feindschaft, je durch Feindschaft auf, durch Liebe nur erlischt der Haß, ein ewiges Gesetz ist das.
„ Durch Sanftmut trifft der Zornige, den Bösen durch die gute Tat, schenken besiegt den Geizigen, den Lügner durch das wahre Wort.“ Es kann weder Frieden noch Glück für den Menschen geben, solange er begierig danach trachtet, seinen Nachbarn zu besiegen und zu unterjochen. Buddha hat es ausgesprochen: „Ein Sieg erzeugt Wut und Haß, Besiegte leben unglücklich; glücklich lebt der Beruhigte, gleich fern von Siegeslust und Not.“ Der einzige Sieg, der Frieden und Glück bringt, ist der Sieg über sich selbst. <Nicht wer Millionen auf dem Schlachtfeld überwältigt hat, nur wer sich selbst besiegt, der ist der größte Held.>

Man kann sagen, das dies alles sehr schön, edel und erhaben, aber unpraktisch ist. Ist es praktisch, einander zu hassen, einander zu töten, wie wilde Tiere im Dschungel ewig in Furcht und Argwohn voreinander zu leben? Ist dies wirklich praktischer und bequemer? Wurde Haß je durch Haß besänftigt? Wurde das Böse je durch das Böse besiegt? Aber es gibt Beispiele, wenigstens in Einzelfällen, wo der Haß durch Liebe und Güte besänftigt und das Böse durch das Gute besiegt wurde. Man kann sagen, das mag wahr und in Einzelfällen praktisch anwendbar sein, aber auf dem Feld nationaler und internationaler Politik werden diese Grundsätze niemals durchführbar sein. Die Menschen sind hypnotisiert, seelisch verwirrt, geblendet und getäuscht durch den politischen Gebrauch und die propagandistische Ausnutzung solcher Begriffe wie <national>, <international> oder <Staat>. Was ist eine Nation anderes, als eine gewaltige Anhäufung von Individuen? Eine Nation oder ein Staat handelt nicht, das Individium handelt. Was das Individium denkt und tut ist das, was die Nation oder der Staat denkt und tut. Was auf das Individium anwendbar ist, ist auf die Nation oder den Staat anwendbar. Wenn der Haß auf der Individuellen Ebene durch Liebe und Freundlichkeit besänftigt werden kann, dann kann das auf der nationalen und internationalen Ebene auch bewirkt werden. Selbst im individuellen Einzelfall muß man ungeheuren Mut, Kühnheit, Glauben und Vertrauen zu sittlichen Kräften haben, um dem Haß entgegentreten zu können. Sollte das in internationalen Angelegenheiten nicht noch weit mehr der Fall sein? Wenn man mit dem Ausdruck <nicht praktisch> meint: <nicht so leicht>, so mag man Recht haben. Es ist bestimmt nicht leicht, und doch sollte es versucht werden. Man kann sagen, der Versuch sei riskant. Aber es gibt gewiss kein größeres Risiko als den Versuch eines Atomkrieges.

Es ist ein großer Trost und eine Ermunterung, heute daran zu denken, dass es wenigstens einen in der Geschichte wohlbekannten, großen Herrscher gegeben hat, der den Mut, das Vertrauen und die Kraft des Geistes besaß, diese Lehre der Gewaltlosigkeit (avihimsa), des Friedens und der Liebe auf die Verwaltung eines ausgedehnten Reiches, sowohl in inneren, wie in äußeren Angelegenheiten, anzuwenden – Asoka, der große buddhistische Kaiser von Indien im dritten Jahrhundert vor Christi Geburt.

Er war zuerst dem Beispiel seines Vaters (Bindusara) und Großvaters (Chandragupta) gefolgt und wollte die Eroberung der indischen Halbinsel zum Abschluss bringen. Er fiel in Kalinga ein, eroberte es und vereinigte es mit seinem Reich. Viele Hunderttausende von Menschen wurden in diesem Kriege getötet, verwundet und zu Gefangenen gemacht. Aber später, als er Buddhist geworden war, wurde er durch die Lehre des Buddha vollständig gewandelt. In einem seiner berühmten, in Felsen geritzten Erlasse (Felsen-Edikt XIII), die man heute noch im Original lesen kann, sprach der Kaiser im Hinweis auf Eroberung von Kalinga öffentlich seine <Reue> aus und erklärte, dass der Gedanke an jenes Gemetzel für ihn <höchst peinvoll> sei. Er gab eine öffentliche Erklärung ab, dass er niemals wieder sein Schwert für irgendeine Eroberung ziehen werde, sondern <er wünsche allen lebenden Wesen gegenüber Gewaltlosigkeit, Selbstbeherrschung und die Anwendung von ruhiger Besonnenheit und Milde>. Dieses, die Eroberung durch Rechtlichkeit, wurde von Asoka als die größte Eroberung betrachtet. Er entsagte nicht nur selbst dem Krieg, sondern drückte auch seinen Wünsch aus: <Mögen seine Söhne und Enkel daran denken, dass neue Eroberung nicht der Mühe wert sind….mögen sie nur an diese eine Eroberung denken: die durch Rechtlichkeit und Ehrfurcht vor dem Leben. Das ist zum Heil für diese und jene Welt.>

Dies ist wohl das einzige Beispiel in der Geschichte der Menschheit, dass ein siegreicher Eroberer auf der Höhe seiner Macht und noch im Vollbesitz der Fähigkeit seine territorialen Eroberungen fortzusetzen, doch dem Krieg und Gewaltanwendung öffentlich entsagt und sich dem Frieden und der Gewaltlosigkeit zuwendet. Es liegt kein geschichtliches Beweismaterial dafür vor, dass irgendein benachbarter König aus Asokas Friedensliebe Vorteil zog und ihn mit Waffen angriff oder dass zu seiner Lebenszeit irgendein Aufruhr oder eine Empörung entstand. Im Gegenteil, Friede herrschte im ganzen land, und selbst Länder außerhalb seines Reiches scheinen seine Führerschaft anerkannt zu haben.

Die moderne These, dass man den Frieden durch das Gleichgewicht der Mächte oder durch die Drohung mit nuklearen Abschreckungsmitteln aufrechterhalten könne, ist oberflächlich und gefährlich. Die Macht der Waffen kann nur Furcht verursachen und nicht Frieden bringen. Es ist unmöglich, einen ehrlichen und dauernden Frieden durch Furcht zu erhalten. Durch Furcht entsteht nur Haß, Groll und Feindschaft, die man vielleicht für eine gewisse Zeit unterdrücken kann, die aber in jedem Augenblick bereit sind, hervorzubrechen und gewalttätig zu werden. Ein wahrer Friede kann nur in einer Atmosphäre der Güte und Freundschaft herrschen, die frei ist von Furcht, Argwohn und Bedrohung.

Der Buddhismus erstrebt eine Gesellschaftsordnung, wo dem zerstörenden Kampf um Macht entsagt wird, wo Ruhe und Frieden das Übergewicht haben, wo die Verfolgung Unschuldiger leidenschaftlich gebrandmarkt wird und wo man Jemandem, der sich selbst besiegt, mehr Achtung erweist als denjenigen, die Millionen durch militärische und wirtschaftliche Kriegsführung unterjochen. In einer Gesellschaft, wo alles, selbst das geringste Leben mit Gerechtigkeit, Rücksicht und Liebe behandelt wird, da kann der Einzelne in Frieden und Harmonie dem Höchsten und edelsten Ziel zustreben: auf die Verwirklichung der höchsten Wahrheit, auf die Erfahrung von Nirvana.

Ich wünsche allen Lebewesen Liebe und Glück.